|Rezension| Fiona Barton „Die Witwe“

|Rezension| Fiona Barton „Die Witwe“

witwe

Wunderlich * 21.05.2016 * OT: The Widow * ISBN 978-3-8052-5097-9

TB 16,99 €  * eBook 14,99 * Leseprobe * Autorin

Klappentext Die Frau.
Jean Taylor führt ein ganz normales Leben in einer englischen Kleinstadt: Sie hat ein hübsches Haus und einen netten Ehemann. Glen und sie führen eine gute Ehe.

Der Mann.
Dann kommt der Tag, der alles ändert: Sie nennen Glen jetzt das Monster. Er soll etwas Unsagbares getan haben. Und Jeans heile Welt zerbricht.

Die Witwe.
Jetzt liegt Glen auf dem Friedhof, und Jean ist frei. Frei, das Spiel endlich nach eigenen Regeln zu spielen …
Jean Taylor wird uns sagen, was sie weiß.

Meinung

Ich bin ja bekanntlich nicht der absolute Thrillerfan und hätte man die Leseprobe zu Die Witwe nicht im Flugzeug auf unserem Heimflug von Griechenland ausgeteilt und hätte ich nicht alle meine Bücher schon fertig gelesen – ich hätte dem Buch wohl keinen zweiten Blick gewidmet.

Der Beginn macht auch richtig neugierig – eine Ehefrau, die nicht um ihren Mann trauert? Da muss doch etwas im Busch sein. Das ist auch so, aber was da genau los ist, das erfährt man erst in quälender Langsamkeit. Parallel verfolgt man, wie Jean immer wieder von der Journalistin Kate über ihre Zeit mit Glen befragt wird, was wiederum einen Blick auf ihre gemeinsame Vergangenheit gibt, und wie Bob Sparkes – ebenfalls mit Unterstützung durch Kate – nach der verschwundenen zweijährigen Bella sucht. So springt man tatsächlich durch drei verschiedene Zeitebenen, die sich einander immer weiter annähern. Das gibt aber auch die Möglichkeit, sich seine eigenen Schlüsse darüber zu ziehen, ob Glen nun schuldig ist oder nicht. Natürlich werden auch andere mögliche Täter ins Spiel gebracht, aber genauso schnell wieder fallen gelassen.

Dabei wird auch mit Klischees gespielt – die unterwürfige Ehefrau, die sich blind und hilflos stellt, die skrupellose Journalistin, die vorne herum nett tut und sich hinter dem Rücken der Menschen die Hände reibt ob der tollen Story, die sie ausgegraben hat, der hingebungsvolle Polizist. Sie sind alle vorhanden. Und leider schafft es das Buch auch nicht, diese Klischees aufzubrechen. Auch die Darstellung der Kinderpornoszene fand ich viel zu oberflächlich.

Ganz ausgereift fand ich den Plot auch nicht. Immer wieder manövrieren sich die Ermittler in Sackgassen, die nur dadurch aufgelöst werden, weil jemand plötzlich feststellt, dass er etwas vergessen hat oder zugibt, dass er mit Absicht etwas verschwiegen hat. Die ganze Ermittlung scheint eigentlich nur eine Anhäufung von Glück zu sein. Tatsächlich hatte ich mir doch etwas anderes erwartet, weniger durchschaubar vielleicht. Denn das Ende hat mich tatsächlich noch einmal richtig geärgert (Spoiler!): Zu Beginn dachte ich mir schon, dass der Tod des Ehemanns kein Zufall war. Dass Jean aber wusste, was mit Bella passiert ist, fand ich schrecklich. Ich hatte mir erwartet, einen Einblick zu bekommen in die Gedanken einer Frau, die in der Ungewissheit lebt, ob ihr Ehemann die Tat begangen hat. Um diese Erwartung wurde ich irgendwie betrogen und halte es auch für keine besonders schwere Darstellung einer Person, die ja insgeheim schon Bescheid weiß.Davon abgesehen macht vieles Verhalten von Jean so im Nachhinein gar keinen Sinn.

Fazit

Insgesamt bin ich von diesem Buch wirklich enttäuscht – es hätte eine echt interessante Studie einer Frau sein können, die ihrem Mann nicht mehr vertrauen kann und hinter sein Geheimnis blicken möchte. Am Ende waren es jedoch nur aneinander gereihte Klischees und flache Figuren in einer quälend langsamen Ermittlung.



|Rezension| Nova Weetman „Lily Frost“

|Rezension| Nova Weetman „Lily Frost“

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Gulliver * 29.02.2016  * OT The Haunting of Lily Frost * ISBN 978-3-407-74654-2

HC 14,95 €  * eBook 13,99 € * Leseprobe * Autorin

KlappentextLily Frost zieht mit ihrer Familie in ein altes Haus in einer verschrobenen Kleinstadt. Ihr Zimmer auf dem Dachboden ist ihr unheimlich: Immer wieder fällt der Strom aus, die Tür verriegelt sich von selbst und Lily entdeckt Buchstaben, die in die alten Dielen geritzt sind – sie ergeben ihren Namen. Jemand – etwas – scheint mit ihr kommunizieren zu wollen. Ist es Tilly, das Mädchen, das früher hier gelebt hat? Warum traut sich niemand über ihr Verschwinden zu sprechen? Lily gerät auf ihrer Suche nach Antworten in tödliche Gefahr und begreift: Ihr Schicksal ist auf unheilvolle Weise mit Tilly verbunden.

Meinung

Um in die Welt der Jugendmysterythriller eintauchen zu können, braucht es manchmal einen ganz seichten Einstieg. Wenn man den sucht, ist Lily Frost bestimmt eine gute Wahl.

Zum einen bietet das Buch nämlich eine altbekannte Geschichte. Ein Mädchen zieht in eine neue Stadt, in der es einen mysteriösen Vermisstenfall gibt. In diesem Fall handelt es sich dabei um Mathilda, die vorher in exakt dem Haus gelebt hat, in das Lily einzieht. Das übernatürliche Element folgt auf dem Fuße – Mathilda versucht nämlich Kontakt mit Lily aufzunehmen, auf sehr gruselige Weise. Dann gibt es noch den obligatorischen Exfreund der Vermissten, für den sich die Protagonistin interessiert, und die zickige beste Freundin, mit der sich Lily auch gleich anlegt.

Auf der einen Seite war Lily Frost tatsächlich spannend. Ich wollte unbedingt wissen, was denn nun mit Tilly passiert war – hatte ihr Exfreund sie getötet? Ihre beste Freundin? Jemand anderes? Oder hatte sie nur einen schlimmen Unfall? Ist sie überhaupt wirklich tot? Wann taucht sie wieder bei Lily auf? Meint sie es gut, ruft sie um Hilfe oder will sie Lily mit in den Tod reißen? Dieser Handlungsstrang war wirklich interessant und hat mich mitgerissen. Umso enttäuschter war ich vom Ende. Irgendwie hätte ich mir hier mehr Skandal erwartet, mir war dieser Abschluss der Geschichte zu harmlos gestaltet, nachdem vorher so viele Theorien und Möglichkeiten auf den Tisch gekommen waren.

Auch versucht die Autorin, die gruseligen Elemente auf Filmart einzubauen. Das im Spiegel erscheinende Gesicht, der huschende Schatten hinter dem Rücken – das alles funktioniert super auf der Leinwand, geschrieben jedoch gar nicht. Im Schriftlichen muss viel mehr mit Beschreibungen und Gefühlen gearbeitet werden, was ihr aber nur teilweise gelingt.

Das Buch konzentriert sich nebenbei aber auch vermehrt auf Lilys Probleme mit dem Umzug im Allgemeinen. Durch die finanzielle Situation ihrer Eltern landet sie von der Großstadt im absoluten Kleinkaff, weit entfernt von ihrer besten Freundin, mit der sie sich ab da eigentlich nur noch streitet. Sicher ist das für Teenager eine richtig mistige Situation und sie haben alles Recht, sich darüber zu beschweren. Was ich dabei aber immer schade finde – und vielleicht bin ich da als Dorfkind einfach empfindlich – ist, dass Autoren dann beginnen, die Bewohner der Dörfer als absolute Vollhirnis darzustellen, die noch in Röhrenfernseher mit Schwarzweißbild starren und Georg Bush noch für den Präsidenten halten. Das Leben auf dem Dorf hat sicher viele negative Seiten,  aber die Bewohner so kleinzureden ist nicht okay. Auch hatte ich das Gefühl, dass Lilys persönliche Probleme mit ihrem Umzug und ihrer Familie sich nicht harmonisch in die Geschichte eingefügt haben, sondern eher als Beiwerk dranhingen.

Fazit

Ein Jugendmysterythriller, der auf altbekannte Elemente setzt und damit den Leser fesseln kann, dessen Ende dann aber eher mau ist.

|Rezension| M. R. Carey „Die Berufene“

|Rezension| M. R. Carey „Die Berufene“

die berufene

Knaur * 1.10.2014 * OT The Girl with All the Gifts * ISBN: 978-3-426-51513-6

 TB 14,99 € * eBook 12,99 € * Leseprobe * Autor

Klappentext

Großbritannien, in nicht allzu ferner Zukunft: Ein grauen­hafter Parasit befällt die Menschheit. Millionen sind bereits infiziert und bedrohen die wenigen Gesunden. Alle Hoffnungen ruhen auf einer Schar Kinder, die anders auf den Erreger reagieren. Auf einer ent­legenen Militärbasis halten Wissenschaftler sie gefangen – zu allem entschlossen, um ihnen ihr biologisches Geheimnis zu entreißen. Doch es läuft nicht nach Plan …

Meinung

Romane, Filme und Serien über Zombies gibt es Unmengen und sie sind zugegeben mein Guilty Pleasure. Manche davon sind ziemlich fad und folgen Schema F. Manche sind ganz anders. Und manche machen mir eine Gänsehaut. So wie Die Berufene.

Tatsächlich ist von Zombies hier gar nicht wirklich die Rede. Die Menschen in dieser Realität werden von einem Pilz befallen, der ihre Gehirnfunktionen übernimmt und sie zu Hungernden macht. Der Pilz, von dem sie befallen sind, existiert übrigens wirklich und diese Vorstellung fand ich schon beunruhigend – kein fehlgeschlagenes Experiment, keine über Tiere übertragbare Krankheit, sondern die Weiterentwicklung eines tatsächlich existenten Organismus rafft die Menschheit dahin und diese Idee ist gar nicht so abwegig. Der Gedanke steckte die ganze Zeit in meinem Kopf fest. (Hier könnt ihr euch über den Pilz informieren. Gruselig, oder?)

Die Berufene liefert Figuren, die man hassen kann, Figuren, die man lieben kann, und Figuren, die man erst hasst und dann liebt. Und erstaunlicherweise überleben diese Figuren alle ziemlich lange. Dennoch waren alle irgendwie doch die typischen Klischeezombiegeschichtenprotagonisten – der hintergründig weichherzige Soldat, der naive Soldat, die bösartige Wissenschaftlerin, die gute Mutter, die Ausnahme von der Zombieregel – sie alle kann man finden. Aber sie bleiben nicht die unausgefüllten und auswechselbaren Stereotypen – ich habe mein Herz an jeden von ihnen verloren (mit einer offensichtlichen Ausnahme) und war tatsächlich sehr glücklich, dass ich sie möglichst lange begleiten konnte.

Aber so richtig gepackt hat mich die Atmosphäre, die beschrieben wurde. Abgesehen von den typischen Zombieapokalypseumgebungen wie zugestopfte Autobahnen gab es Orte und Szenen, die mir eine richtige Gruselgänsehaut gemacht haben – vor allem in London wurde ich dieses beklemmende Gefühl nie wieder richtig los. Hier merkt man einfach, dass der Autor schon immer viel damit gearbeitet hat, düstere Stimmungen aufzubauen, immerhin ist er auch der Autor von Hellblazer und schreibt Skripte für TV-Shows. Und das alles schafft er ohne übermäßig Blut und andere ekelerregende Körperflüssigkeiten spritzen zu lassen (auch wenn man ohne dann doch nicht völlig auskommt).

Fazit

Ein beängstigendes Werk mit düsterer Stimmung und beklemmender Atmosphäre – unbedingt lesen, wenn man Zombiegeschichten und das Drumherum liebt!

|Rezension| Isa Grimm „Klammroth“

|Rezension| Isa Grimm „Klammroth“

klammroth

Klappentext

Seit Jahren ist der uralte Tunnel stillgelegt. Doch etwas geht um in den Tiefen des Berges. Kinderstimmen wispern im Dunkel, und etwas regt sich in den Schatten.
Einst war Klammroth ein stiller Weinort am Fluss – bis eine Katastrophe die Idylle zerstörte.  Dutzende Kinder starben bei einem verheerenden Unfall im Tunnel, viele weitere wurden entstellt. Nun, sechzehn Jahre später, kehrt eine der Überlebenden nach Klammroth zurück: Anais hat die Qualen des Feuers noch nicht überwunden, als ihr Vater sie zu sich ruft. Etwas Unerklärliches erscheint des Nachts vor den Fenstern. Gespenstisches geschieht – und jemand fordert neue Opfer.
Der Tunnel hat Anais nicht vergessen …

Meine Meinung

Jemand, der Isa Grimm heißt, ist doch schon prädestiniert, ein gruseliges Buch zu schreiben. Nach dem Klappentext hatte ich ja erst eine Geschichte ala Silent Hill erwartet, das ging aber dann doch komplett in die falsche Richtung. Ich war mir lange Zeit auch gar nicht sicher, ob es hier überhaupt etwas tatsächlich Übersinnliches im Buch geben würde – beginnt es doch wie eine typische Kriminalgeschichte. Da muss die gebeutelte Protagonistin in die Stadt ihrer Jugend zurückkehren, an die sie nur grauenvolle Erinnerungen hat und in der sie niemand leiden kann. So weit, so Standard. Auch im weiteren Verlauf zeigt sich Klammroth zwar als solider Thriller, der langsam anläuft und gegen Ende rasant an Tempo und Leichen zunimmt, war aber nie so richtig anders. Weder die Protagonisten noch die Geschichte an sich fühlten sich so an, als hätte ich sie noch nie gehört oder gelesen. Immerhin gelang es der Autorin doch an einigen Stellen, mir eine Gänsehaut zu verpassen. Vor allem der Tunnel verfehlte seine Wirkung da nicht.

Die richtige Auflösung hat mir doch am Ende gefehlt. Für jemanden, der so besessen von Mythen und Legenden ist wie ich, war die Erklärung des Hintergrunds viel zu kurz und unbefriedigend. Das wäre doch besser gegangen. Und so manche Andeutung war mir eben doch ZU angedeutet – man hätte so manche Lebensgeschichte noch besser ausbauen könne, selbst die der Protagonistin. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass für logisch hingenommen wurde, wie es den Figuren vor oder nach dem Unfall ging. Dabei wäre das vor allem bei Anais wichtig gewesen – so wurden einem manche Informationen wie ihr Hang zur Selbstverletzung einem einfach vor die Füße geworfen.

Insgesamt ist Klammroth ein Thriller, wie man ihn sich eben vorstellt – aber leider auch nicht mehr.

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|Rezension| Diverse „Mystery Weihnachtsthriller Band 1“

|Rezension| Diverse „Mystery Weihnachtsthriller Band 1“

Cora (16. Okt 2012) – 384 Seiten – Bestellnummer 8122120001 – 5,95 € Taschenbuch

Die Geschichten

Tödliche Weihnachten: Wo ist Lisbeth? Seit der Rodelpartie wird sie vermisst. Annie findet sie, einen Schal zu eng um den Hals geschlungen, unter dem Schnee verscharrt. Schon der dritte Anschlag auf eine aus ihrer Clique! Nicht der Weihnachtsmann ist zu ihnen gekommen – sondern ein Mörder …

Tod im weißen Paradies: Ein Schrei hallt durch die Winternacht! Atemlos rennen Kelly und die anderen aus der Blockhütte, sehen das leere Boot auf dem See treiben – Brian ist in das eisige Wasser gefallen! Ein Unbekannter hat ihn hineingestoßen, behauptet seine Freundin Paula unter Tränen …

Morgen kommt der Weihnachtsmann: „Zu Weihnachten sind wir wieder zusammen!“ Ganz unheimlich wird Hope zumute, als ihr Exfreund Shane das wütend sagt. Denn in seinen Augen sieht sie ein irres Glitzern, und dann erhält sie unheimliche Geschenke und Drohbriefe. Shane macht ihr Angst. Zu Recht …?

Meine Meinung

Als ich in der pubertären Leseflaute steckte, brachten mich nur wenige Bücher zum Lesen – kurzweilig sollten sie sein, „was für Zwischendurch“.  Zu dieser Zeit fand ich zu den Cora Mystery und Mystery Thriller Heften. Diese Reihe hat schon einige Jahre auf dem Buckel, wie manche meine eher unschönen Besitztümer beweisen, die ich auf dem Flohmarkt ergatterte. [Klickt den Link an, es lohnt sich, wenn ihr heute schlechte Laune habt!]

Zehn Jahre später kehre ich zurück zu meiner jugendlichen Obsession und da ich die Nase voll hatte von Weihnachtsharmonie, griff ich zum Sammelband mit Weihnachtsthrillern. Hier bekommt man drei Mystery Thriller auf einmal. Leider waren es auch drei qualitativ sehr unterschiedliche Geschichten.

Diane Hoh ist dem geneigten Suchtling sicher schon das eine oder andere Mal über den Weg gelaufen, der diese Hefte kauft – viele ihre Bücher wurden für diese Reihe übernommen und übersetzt. Oh, und diese Übersetzung, sie war so grauenhaft – von der miesen Rechtschreibung ganz zu schweigen. Berufsbedingt bin ich da ja schon so drauf getrimmt, dass mir keiner mehr entgeht, und das hat das Lesen der Geschichte echt zur Qual gemacht. Aber auch ohne diese Tatsache war ich hier mehr als bedient. Annie, die Protagonistin des Buches, ist ein so absolut dämlicher Charakter, dass ich mir fast gewünscht hätte, dass der Killer sie endlich abmurkst. Keine gute Ausgangslage für uns beide.

Schon besser wurde es mit Band 2. Von mieser Übersetzung und Rechtschreibfehlern keine Spur mehr, die Geschichte wurde auch spannender, obwohl ich zu Beginn ja wirklich nicht einsehen konnte, dass man jemandem so leicht verzeiht, der am Tod des besten Freundes Schuld ist. Die Sache hat sich aber schnell von selbst erledigt.

Band 3 war dann ein Mystery Thriller, wie ich es gewohnt war – kein Stück umwerfender Literatur, sondern solider Thriller, bei dem man auch mal ernsthaft rätseln kann, wer denn nun hinter den Attacken steckt.

Alles in allem habe ich meine Rückkehr nicht bereut, obwohl es sicher bessere Sammelbände gibt als diesen hier.

Agnes Hammer „Herz, klopf!“

Agnes Hammer „Herz, klopf!“

Verlag: Script5 (September 2009)

Seiten: 274

ISBN: 3839001048

Preis: 12,90 €

Inhalt

Mitten im Getümmel des Düsseldorfer Straßenkarnevals wird ein Mädchen entführt: Franka, 13 Jahre, eher unscheinbar, aber sehr begabt. Franka schreibt Gedichte, sehr emotional und fast apokalyptisch, und tauscht sich per Internet mit anderen Jugendlichen darüber aus. Im krassen Gegensatz dazu steht ihr Alltag in einem sozial eher schwachen Stadtviertel Düsseldorfs, mit ihrer alleinerziehenden, arbeitslosen Mutter, vom Vater frisch verlassen. In der Schule wird die blasse Franka häufig gemobbt, wäre da nicht Lissy, die Starke, die auch schon mal zuhaut, wenn ihr einer dumm kommt. Aus irgendeinem Grund fühlt sich Lissy für Franka verantwortlich. Als Franka verschwindet, macht sich Lissy auf die Suche nach ihr. Während die Polizei noch glaubt, dass Franka einem Serientäter zum Opfer gefallen ist, der zur gleichen Zeit im gleichen Stadtviertel ein Mädchen ermordet hat, checkt Lissy Frankas E-mails und findet heraus, dass sich Franka am Tag ihres Verschwindens mit einem gewissen Erlkönig verabredet hatte. Und weil Lissy nicht locker lässt, weiß sie auch bald, wer der Erlkönig ist, und wo er Franka versteckt haben könnte. Was Lissy nicht weiß, ist, dass der Erlkönig auch sie selbst schon lange beobachtet.

Meinung

Eigentlich sind Franka und Lissy gar nicht so eng befreundet. Franka ist die Tochter einer Freundin ihrer Mutter und Lissy fühlt sich für das jüngere Mädchen ein wenig verantwortlich, vor allem, weil Franka oft Ziel von Mobbing ist. Doch sonst hat Lissy viel zu viel mit sich selbst zu tun. Ihre Mutter kauft wahllos ein, ihr Vater lebt auf der Straße und ihr Freund Can meldet sich nicht mehr. Aber dann verschwindet Franka spurlos und Lissy macht sich auf die Suche nach ihr. Doch da ihr die Polizei kein großes Vertrauen schenkt, wendet sie sich an ihre Freundinnen und an ihren Vater und dessen Kumpels von der Straße.

„Herz, Klopf“ enthält mehrere, für Jugendbücher so typische, erhobene Zeigefinger. Das fängt schon mit Franka an. Da Franka in ihrer Stadt und an ihrer Schule nicht beliebt ist, surft sie viel im Internet und sucht sich dort Menschen, die ihre Leidenschaft zur Literatur teilen. Auf diese Art stößt sie auch auf ihren Entführer, mit dem sie sich – ohne vorher irgendjemanden zu informieren – in einem Cafe trifft, wo er ihr KO-Tropfen in ihre Cola schüttet, während sie auf die Toilette geht. Schon allein hier lernt der jugendliche Leser, sich nie mit Fremden aus dem Internet zu treffen, schon gar nicht ohne Rückzugsmöglichkeit in Form von Eltern oder Freunden und auch sein Getränk nie unbeobachtet zu lassen. Zum anderen ist da Lissys Geschichte, die im Allgemeinen aussagen soll, dass man hinter die Oberfläche blicken sollte. Das junge Mädchen macht auf sein Umfeld den Eindruck einer jugendlichen Straftäterin mit Anzeigen für Körperverletzung und keinen Sinn für ihr eigenes Privatleben. Deswegen hört Lissy auch niemand auf der Polizeistation zu, wenn sie Hinweise auf Frankas Verschwinden hat. Vor allem Polizisten, die schon mit ihr zu tun hatten, unterstellen ihr Lügen oder dass sie sich selbst aus misslichen Situationen herauswinden will.

Für Lissy selbst sieht ihr Leben ganz anders aus. Ihre Mutter verdient gerade soviel Geld, dass es zum Leben reicht, gibt aber alles für sinnlose Katalogbestellungen aus, die ihre Tochter dann zurücksenden muss, wofür sie sich auch die eine oder andere Ohrfeige einfängt. Ihr Vater lebt auf der Straße, seitdem seine Frau ihn wegen seines Alkoholismus vor die Tür gesetzt hat. Weil sich Lissy immer um alle anderen kümmern muss, gehen ihre Gefühle oft mit ihr durch. Sie beschreibt ihre Gefühle als Tier, das ein Eigenleben besitzt.

Agnes Hammers Charaktere sind sowohl sehr detailliert ausgearbeitet als auch glaubwürdig, was wohl vor allem daran liegt, dass Frau Hammer mit schwierigen Jugendlichen arbeitet, und damit mit Geschichten wie denen von Franka und Lissy pausenlos in Verbindung steht.

Die Geschichte an sich von einer Kindesentführung ist nicht neu. Auch hat der Leser nicht viel damit zu tun zu rätseln, wer der Entführer ist. Denn einerseits kommt er selbst oft genug zu Wort und andererseits wird es sehr früh im Buch aufgeklärt. Auch sein Motiv wird innerhalb kürzester Zeit aufgeklärt. Was übrig bleibt ist die Frage, wo er Franka versteckt hält. Nichtsdestotrotz ist die Geschichte spannend, da man innerlich die Uhr ticken hört, je mehr man bemerkt, dass der Entführer vollkommen den Verstand verliert.

Besonders schön an „Herz, Klopf“ sind die Gedichteinschübe von Franka. Da das Mädchen gefesselt in ihrem Versteck liegt und nichts zu tun hat, dichtet es und diese Gedichte stehen an jedem Kapitelanfang. Dabei entspricht ein Kapitel einem ablaufenden Tag.

Fazit

„Herz, klopf“ von Agnes Hammer ist eine interessante Mischung zwischen Psychothriller und Jugendbuch. Die Protagonisten haben in ihrem Leben mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen, die es ihnen auch erschweren, hinter das Geheimnis der verschwundenen Franka zu kommen. Dabei klingt auch die eine oder andere Kritik an allzu oberflächlichen Betrachtungen an, oder ein warnendes Wort, nicht zu sorglos und blauäugig auf Fremde zuzugehen. Man merkt, dass Agnes Hammer mit Jugendlichen arbeitet, denn ihre Charaktere sind sehr realistisch und wirken insgesamt völlig glaubwürdig.