|Rezension| Okka Rohd „Völlig fertig und irre glücklich“

|Rezension| Okka Rohd „Völlig fertig und irre glücklich“

völlig fertigKlappentext

«Ich bin schwanger. Ich stehe im Badezimmer und bin schwanger. Verdammt, ich bin wirklich schwanger. Der Test zeigt eindeutig zwei Streifen. Hinter der Tür, nur ein paar Schritte entfernt, sitzt er am Küchentisch und liest die Nachrichten. Es ist ein Morgen wie viele Morgen, ein Tag wie viele Tage. Bis ich hinüber gehen und es ihm sagen werde. Ich habe mir diesen Moment so oft vorgestellt. Wie auf dem Test zwei unmissverständliche Streifen erscheinen. Wie ich ihm in die Arme falle. Wie ich „Liebling, ich bin schwanger!“ sage. Wie er meinen Bauch streichelt. Jetzt stehe ich hier und habe kalte Füße, weil ich vergessen habe, die Heizung im Bad aufzudrehen, und fühle nichts und alles zugleich. Ich freue mich, natürlich freue ich mich, aber so leise, dass nicht mal ich selbst es mir ansehen würde. Ich bin erleichtert. Ich bin nervös. Ich habe Schiss.»

Meine Meinung

Eigene Kinder sind für mich noch in ferner Zukunft zu sehen. Das nächste, was ich an Kindern habe, ist der Flohhaufen, der mir morgens von seinen Eltern übergeben wird und mittags wieder geht. Dennoch beobachte ich gerne diese Eltern mit diesen „meinen“ Kindern und überlege mir, wie es wohl war, sie 6 oder 7 Jahre aufzuziehen und sie mir dann anzuvertrauen.

Wie viel Liebe steckt in den Worten der Mütter, die Blogs über ihre Schwangerschaft und ihre Zeit mit ihren Kindern führen, wie viel Geduld beobachte ich in meinen Freundinnen, die schon Mütter sind. Genauso ging es mir mit Okka Rohd Buch. Natürlich weiß sie auch, wie man mit Worten umgeht, als freie Journalistin. Schön war es auch, dass der Kindsvater zu Wort kommt (ebenfalls wortgewaltig, ebenfalls Journalist). Beide schildern wie es war, als sie erfuhren, dass sie Eltern werden, und wie es dann war, als sie Eltern waren. Oft findet man die Erzählung des einen aus der Sicht des anderen noch einmal und merkt, dass sich Gefühle und Gedanken manchmal völlig unsichtbar für den anderen im Inneren abspielen.

Mit schonungsloser Ehrlichkeit widmen sich beide ihren Texten – dass sie manchmal das schlechte Gewissen plagt, dass sie Angst haben, ihre Freunde oder umgekehrt die Familie zu vernachlässigen, dass ein Kind zu haben anstrengend ist, aber gleichzeitig die schönste Sache auf Erden für die beiden. Zu lesen, wie glücklich sie sind, auch wenn es schwer und anstrengend ist, fand ich sehr ermutigend. Vielleich traue ich mich in ferner Zukunft auch an das Abenteuer Familie.

 

|Rezension| Judith End „Sterben kommt nicht in Frage, Mama!“

|Rezension| Judith End „Sterben kommt nicht in Frage, Mama!“

Verlag: Droemer/Knaur (Oktober 2010)

Seiten: 297

ISBN: 3426275392

Preis: 16,95 €

Inhalt

Judith End ist eine junge, alleinerziehende Mutter, mitten im Studium, als sie in ihrer Brust einen Knoten ertastet und ihre Welt aus den Fugen gerät. Eben noch war sie dabei, sich frisch zu verlieben, jetzt quält sie sich mit der Frage, bei wem ihre Tochter Paula aufwachsen soll, falls sie sterben sollte. Operation folgt auf Operation, Chemo- und Strahlentherapie schließen sich an. An den guten Tagen vor dem nächsten Infusionstermin versucht Judith mit Paula in den alten, unbeschwerten Alltag zurückzukehren. Und sie lernt trotzig auf ihr Examen und legt die Prüfungen ab. Am Schluss der Prozedur hat sie beides: Hoffnung, den Krebs überwunden zu haben, und ein Einserexamen. Judith End ist eine Autorin, deren Erzähltalent, deren Sinn für Dramatik, deren offene Nüchternheit und deren großes Maß an Selbstironie Leserinnen und Leser von der ersten Seite an in ihren Bann schlagen.

Meinung

Mit 25 Jahren, kurz vor ihrem Examen, bekommt Judith End die Diagnose Brustkrebs. Bis jetzt hatte die junge Frau ihr Leben fest im Griff – Studium, Tochter, Freizeit. Dich plötzlich übernimmt jemand anderes – der Krebs. Vor ihr liegt eine schwere Zeit, die geprägt ist von Krankenhausaufenthalten und Ängsten.

„Ich habe mich unbesiegbar und unkaputtbar gefühlt, mein Schicksal nie in Frage gestellt. Habe in derselben schützenden Arroganz und Naivität gelebt wie all die anderen wahrscheinlich auch. Wir verdrängen und vergessen unsere Zerbrechlichkeit, aber wir sind es dadurch nicht weniger.“ Dieses Zitat hat mich am meisten zum Nachdenken gebracht. Als Judith End ihre Diagnose bekommen hat, war sie so alt wie ich (Und hat nebenbei noch ungefähr das Doppelte geschafft). Auch, wenn man weiß, dass es einen theoretisch treffen könnte, man zum Frauenarzt geht und sich dort abtasten und untersuchen läst – man geht davon aus, dass der Arzt danach nickt und einen befundlos nach Hause schickt. Doch was passiert, wenn er das eben nicht tut? Unvorstellbar.

Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen und habe bis spät in die Nacht gelesen. Man will einfach nicht aufhören, bis man weiß, dass es wenigstens ein kleines, ein winziges Happy End gibt. Das Leben kann doch nicht so unfair sein.

Im Laufe der Erzählungen durchlief ich viele Emotionen – Ungläubigkeit, Traurigkeit, Wut. Und auch Unsicherheit. Unsicherheit darüber, ob ich nicht auch auf meinen Körper mehr aufpassen und weniger gedankenlos damit umgehen sollte. Unsicherheit darüber, ob man nicht manchmal wie ein Bulldozer mit den Gefühlen anderer umgeht, auch wenn man es gut meint.

„Sterben kommt nicht in Frage, Mama!“ hat mich von vorne bis hinten gefesselt und auch aufgerüttelt, nicht so selbstverständlich mit meiner Gesundheit und meinem Leben umzugehen. Denn Jugend macht einen nicht unsterblich und manchmal muss es einem nochmal vor Augen geführt werden. Vor allem, wenn die Erzählende gar nicht so viel anders ist als man selbst.