|Rezension| Janne Teller „Nichts, was im Leben wichtig ist“

|Rezension| Janne Teller „Nichts, was im Leben wichtig ist“

OT: Intet

Janne Teller @ JanneTeller.com

Hanser Verlag (Juli 2010)

144 Seiten, 12,90 € TB

9783446235960

Klappentext

„Nichts bedeutet irgendwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendwas zu tun.“ Mit diesen Worten schockiert Pierre alle in der Schule. Um das Gegenteil zu beweisen, beginnt die Klasse alles zu sammeln, was Bedeutung hat. Doch was mit alten Fotos beginnt, droht bald zu eskalieren: Gerda muss sich von ihrem Hamster trennen. Auch Lis Adoptionsurkunde, der Sarg des kleinen Emil und eine Jesusstatue landen auf dem Berg der Bedeutung.[…]

Meinung

Als Pierre Anthon mit den Worten „Nichts bedeutet irgendwas“ das Klassenzimmer verlässt und seitdem auf einem Pflaumenbaum sitzt, kommen seine Mitschüler ins Grübeln – hat Pierre Anton mit dem, was er ihnen auf dem Schulweg zuruft, sogar recht? Bedeutet überhaupt irgendetwas etwas? Die Vorstellung, dass nichts wichtig ist, ist für die Kinder zu schwer zu ertragen, und so beschließen sie, ihrem ehemaligen Mitschüler das Gegenteil zu beweisen. In einem alten Sägewerk tragen sie Gegenstände zusammen, die wichtig zu sein scheinen. Doch mit der Zeit eskaliert die Situation.

„Nichts, was im Leben wichtig ist“ ist ein hoch gelobtes Buch. „Brutal“ soll es sein und „mutig“, verspricht zumindest der Aufkleber der Zeit auf dem Cover. Für einige Zeit war es sogar verboten. Ich muss zugeben, ich habe das Buch gerne gelesen, aber die große Message – die ist wohl irgendwo an mir vorbeigegangen. Ich fand es faszinierend zu sehen, wie die Kinder erst wahllos Dinge zusammenzutragen, die irgendwem etwas bedeuten, bis sie merken, dass es für sie selbst aber nichts bedeutet. Wie sie dann dazu übergehen, Sachen zu opfern, die ihnen selbst am Herzen liegen und sich gegenseitig dazu auffordern. Dabei werden immer wieder Grenzen überschritten und die Opfer immer größer – für ein Paar grüner Sandalen verlangt die Protagonistin Agnes (aus deren Sicht das Buch erzählt wird) den Hamster ihrer Mitschülerin. Immer mehr verkommt die Anfangsidee zu einer Reihe von Racheakten, bei denen jeder dem nächsten Kandidaten möglichst weh tun möchte, um den eigenen Verlust zu rächen, bis am Ende Blut fließt. Aber das war es in meinen Augen auch schon. Was soll ich aus einer Reihe verquerer und teilweise blutiger Taten lernen, die am Ende sogar mit positiver Aufmerksamkeit belohnt werden?

Dass hier mit Wörtern wie „Meisterwerk“ und „genial“ um sich geworfen wird, finde ich übertrieben. „Nichts, was im Leben wichtig ist“ hat mich zwar auf eine morbide Art fasziniert, weil ich wissen wollte, wie weit die Kinder gehen werden – aber für ein Meisterwerk braucht es noch ein bisschen mehr. Ein bisschen mehr Realitätsnähe hätte in manchen Punkten nicht geschadet. Wenn die höchste Strafe, die die Kinder bekommen, Hausarrest ist, stimmt mit dem Rechtssystem etwas nicht. Da kann man mir gerne mit dem Argument „Aber das ist doch eine Parabel, die muss nicht realitätsnah sein“ kommen – das zählt für mich nicht, denn in „Krieg“ hat das ja auch wunderbar funktioniert.

Probleme hatte ich zeitweise auch mit der Art, wie es geschrieben war, und manchmal wollte ich bei der hundertsten Steigerung in drei Kurzsätzen das Buch gegen die Wand werfen. Sehr werfen. Unbedingt werfen!

Warum das Buch so über den grünen Klee gelobt wird, entzieht sich meinem Verständnis, ich bin hinterher nicht erleuchteter als vorher, und im Unterricht lesen „muss“ ich das hier sicher nicht. Die einzige Faszination an diesem Buch macht die Brutalität aus – wie ein Verkehrsunfall, bei dem man nicht wegsehen kann.

|Rezension| Janne Teller „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“

|Rezension| Janne Teller „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“

OT: Hvis der var krig I Norden

Janne Teller @ JanneTeller.com

Carl Hanser Verlag (März 2011)

64 Seiten, 6,90 € TB

3446236899

Inhalt

Janne Teller wagt erneut ein eindringliches Gedankenexperiment: Sie macht uns klar, was es bedeutet, Kriegsflüchtling zu sein – durch einen schlichten Wechsel der Perspektive.

Meinung

Der letzte Krieg in Deutschland endete 1945 und existiert in unseren Köpfen nur noch als Theorie aus dem Geschichtsunterricht. Zeitzeugen gibt es kaum mehr welche. Die Kriege, die wir im Fernsehen sehen, sind weit weg. Unvorstellbar für uns, wie es wäre, wenn wir mittendrin wären. Doch genau dieses Gedankenexperiment wagt Janne Teller. Stell dir vor, Deutschland will aus der EU austreten. Stell dir vor, plötzlich herrscht deswegen Krieg. Stell dir vor, dein Leben ist in Gefahr, nur weil du deutsch bist. Stell dir vor, du musst in ein fremdes Land flüchten, dessen Sprache du nicht kennst und das darüber entscheidet, ob du seine Hilfe überhaupt verdient hast oder ob es dir dazu noch zu gut geht.

Lässt man sich auf dieses Gedankenexperiment ein, dann ist die Vorstellung extrem verstörend. Anstatt, wie üblich, ein Buch aus der Sicht eines Flüchtlings zu lesen, dessen Kultur einem trotz aller Offenheit fremd ist und dessen Land man nur aus dem Urlaub oder aus Bildern kennt, liest man die Geschichte von sich selbst als Flüchtling – das Heimatland zerstört, die Freunde und Familie tot, verschwunden oder in die Kämpfe verwickelt. Im eigenen Land kann man nicht bleiben, weil man um sein Leben fürchtet, in Ägypten blickt man auf deine Kultur hinab, weil sie anders ist, und diskutiert darüber, ob du hilfsbedürftig genug bist, um Asyl zu bekommen. Anstatt an die Uni zu gehen, lebst du zwei Jahre in Zelten und verkaufst Kuchen auf der Straße.

Jede Übersetzung von „Krieg“ wurde auf ihr jeweiliges Land umgeschrieben, um das Gedankenexperiment so nachvollziehbar wie möglich zu machen. Im Falle Deutschlands wird der Ausstieg aus der EU angenommen, der zu Kriegsausschreitungen führt. Flüchtlinge aus Deutschland kommen in Ägypten unter, das mittlerweile wieder ein kriegsfreies Land ist. Das Experiment hätte für mich aber noch einen Ticken besser funktioniert, würde Janne Teller nicht davon ausgehen, dass der Leser ein Junge oder später Mann wäre. Diese Stellen, die eindeutig auf eine männliche Person ausgelegt sind, stören die Vorstellungskraft doch ein wenig. Ich bin eben ein Mädchen und habe mir die Situation auch als Mädchen vorgestellt, da stolpere ich über Stellen, an denen ich ein anderes Mädchen heiraten und Kinder mit ihm zeugen soll. Schade, wenn man sich schon die Mühe macht, das Buch jedes Mal umzuschreiben, hätte man auch darauf achten können, es für beide Geschlechter gleich geltend zu schreiben.

Letztendlich ist Deutschland auch kein Land, in dem jeder mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde und genug Menschen haben mit ihrem Leben hier genug zu kämpfen. Aber darum geht es bei diesem Buch auch gar nicht. Es geht nicht darum, dem Leser unter die Nase zu reiben, wie gut er es hat hier und dass er sich nicht beschweren darf. Es geht nur darum, ein bisschen mehr Verständnis für diejenigen aufzubringen, die aus ihrem Land fliehen mussten, jetzt heimatlos sind in beiden Ländern – ihrem Heimatland, wo sie als Verräter gelten, und in ihrem Asylland, wo ihnen nicht selten mit extrem wenig Respekt entgegengetreten wird:

„Ich hoffe, dass dieser Text unpolitisch gelesen wird, als eine Einladung an das Vorstellungsvermögen. Eine Einladung, das Leben der anderen nachzuvollziehen, ein Schicksal, das hoffentlich nie unser eigenes sein wird. Dafür sind wir alle verantwortlich. Denn wenn es eines Tages doch dazu käme, wäre es dann nicht sehr tröstlich, die gefahrvolle Suche nach Zuflucht und einem besseren Leben in vollem Vertrauen auf die Erkenntnis anzutreten, dass damals, als wir selbst in Sicherheit waren, jeder einzelne dazu beitrug, die ethischen Grundsätze menschlicher Zivilisation zu sichern und zu verbreiten, dass alle Menschen gleich geschaffen wurden und jeder die Menschen so behandeln soll, wie er selbst von ihnen behandelt werden will?“ [Janne Teller]