|Empfehlung| Mackenzi Lee „Cavaliersreise“

|Empfehlung| Mackenzi Lee „Cavaliersreise“

cavaliersreise

Cavaliersreise, die: Bezeichnung für eine seit der Renaissance obligatorische Reise der Söhne des europäischen Adels, später auch des gehobenen Bürgertums, durch Mitteleuropa, Italien, Spanien und auch ins Heilige Land.

Wir befinden uns in den 1720ern – einem denkbar ungünstigen Zeitalter für Henry Montague, genannt Monty. Denn nicht nur hat er keine Lust, das Erbe seines gewalttätigen Vaters anzutreten, sondern ist er auch noch unsterblich in seinen besten Freund Percy verliebt, der seinerseits keinen Platz in der Gesellschaft findet, da er dunkelhäutig ist und unter einer Krankheit leidet, von der man sich erzählt, sie wäre eine göttliche Strafe. Auch Henrys Schwester Felicity fühlt sich wenig aufgehoben in ihrer Welt – das überaus kluge Mädchen soll anstatt Medizin zu studieren an einer Mädchenschule Sticken und Ettiquette lernen. So treten die drei ihre Cavaliersreise als letztes Aufatmen vor einem scheinbar unabänderlichen Schicksal an.

Zu Beginn war es schwer, in die Geschichte einzutauchen, denn die Autorin bemüht sich darum, dass ihre Figuren sich passend zum 18 Jahrhundert ausdrücken – Scharmützel, Nachtgewänder und vermaledeite Dinge, wohin man liest. Es dauert etwas, bis man sich an diesen Schreibstil gewöhnt.

Ich weiß, dass ich damit Gefahr liefe, zu weit zu gehen. Doch für derlei Subtilitäten dünkt mich das Leben zu kurz. Den Vorwitzigen lacht das Glück.

Hat man das erst einmal geschafft und sich durch ein paar Seiten eher langatmiger Reisebeschreibungen gekämpft, landet man in Versailles und die Geschehnisse beginnen, Fahrt aufzunehmen. Was aber vor allem Fahrt aufnimmt, ist das Mitgefühl und die Sympathie für alle drei Protagonisten. Vor allem Henry, der kein durchweg liebenswerter Charakter ist, wächst einem doch ans Herz. Denn zwischen all dem Trotz, Egoismus und der Sucht nach Überfluss, mit denen er sich selbst immer wieder im Weg steht, blitzt ein verletzter Junge durch, der sich nie gegen die Schläge seines Vaters wehren konnte und der sich sicher ist, nie im Leben glücklich zu werden, weil er nie zu seiner Bisexualität stehen kann. Percys Gefühl, nirgends wirklich dazuzugehören, ist heute aktueller denn je – in einer multikulturellen und -ethnischen Gesellschaft, in der Ängste neu geschürt werden oder nie überwunden wurden. Auch  Felicitys Kampf um Selbstbestimmung und darum, als mehr gesehen zu werden als das kleine Frauchen, das nur hübsch an der Seite ihres Mannes aussieht, schließt an aktuelle Diskussionen an. „Cavaliersreise“ macht deutlich, dass wir heute vielleicht doch nicht so weit sind, wie wir das gerne wären.

Wie seltsam, sterben zu wollen. Und wie seltsam, wenn man zudem noch glaubt, man habe so einen simplen Ausweg nicht verdient.

Die Wendung, die das Buch nimmt, hatte ich persönlich nicht so erwartet. Aus der Cavaliers- wird eine Abenteuerreise, in der die drei Hauptfiguren überfallen werden, im Gefängnis landen oder in den Händen von Piraten und am Ende wird es sogar noch mystisch. Und zwischendrin immer auch ein wenig romantisch, ohne dass diese Liebesgeschichte zwischen Monty und Percy zu viel Raum in der Geschichte einnimmt.

Es ist erstaunlich, wie viel Mut es braucht, selbst wenn man so gut wie sicher ist, dass auch der andere es will. Immer stutzen einem Zweifel die Flügel.

Zum besseren Verständnis gibt es am Ende des Buches noch einen Anhang, der die Themen Cavaliersreise, Politik, Epilepsie und queere Kultur zu Zeiten des Buches erklärt.

Letztendlich erklärt Henry selbst am besten am Ende, was den Leser erwartet:

Ich verkörpere jetzt zweifelsfrei das Schreckbild einer Cavaliersreise, das Schauermärchen, das man seinen Kindern auf den Weg gibt, bevor man sie in die Welt entlässt. […] Käme ich nach Hause, Ihr hättet wohl Mühe, mich wiederzuerkennen. […] Von nun an nehme ich mir vor, es gut zu haben. Leicht wird mein Leben nicht sein, aber gut.

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496 Seiten * ISBN: 978-3-551-56038-4 * 19,99 € * OT: The Gentleman’s Guide to Vice and Virtue

Gab es je ein abschreckenderes Beispiel für junge Bildungsreisende als Sir Henry Montague? Nach Montys Cavaliersreise wird der englische Adel seine Sprösslinge bestimmt nie wieder auf den Kontinent schicken! Irgendwie ist Monty immer in eine Tändelei verwickelt oder betrunken oder zur falschen Zeit am falschen Ort nackt (in Versailles! Am Hof des Königs!). Zwischen Paris und Marseille verlieren Monty, Percy und Felicity auch noch ihren Hofmeister, kämpfen gegen Wegelagerer und Piraten, gegeneinander (Monty und Felicity) oder gegen ihre Gefühle füreinander (Monty und Percy). Aber am Ende dieser abenteuerlichen Reise finden sie alle drei nicht nur zueinander, sondern auch zu sich selbst. [carlsen.de]

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