|Rezension| Meike Frei „Fuck the Föhnfrisur“

|Rezension| Meike Frei „Fuck the Föhnfrisur“

föhnfsur

blanvalet * 18.04.2016  * ISBN 978-3-7341-2033-2

TB 9,99 €  * eBook 8,99 €

KlappentextLehrerin Meike hadert mit ihrem Alltag: Will sie ihren Bildungsauftrag wirklich in die Tat umsetzen und sich bis zum Rentenalter die Lunge aus dem Hals schreien? Als sie ausprobiert, welchen Alternativjob ihr die Berufsberatung nahelegen würde, ist sie fassungslos: Ausgerechnet Friseurin soll sie werden?! Meike begibt sich in die Ausbildung, womit sie sogar bei ihren Schülern gut abschneidet: Schließlich brauchen die Topmodels und DSDS-Stars von morgen eine persönliche Stylistin, die noch dazu die Rechtschreibfehler auf ihren Autogrammkarten ausmerzen kann! Doch dann passiert etwas wahrhaft Haarsträubendes, womit niemand gerechnet hat …

Meinung

Ist man einmal Lehrer, hat man es geschafft – immer frei, immer Recht haben, bisschen basteln und dafür Kohle kassieren. Zumindest ist das das Klischee, mit dem sich auch Meike Frei auseinandersetzen muss. Die Hauptschullehrerin ist mitten in ihren Dreißigern, verbeamtet – und totunglücklich mit ihrem Job. Ihre freie Zeit geht für Vertretungsstunden und Unterrichtsvorbereitung drauf,  ihre Schüler nörgeln nur, sie ist mehr Erzieherin als Wissensvermittlerin und von ihrem Umfeld muss sie sich nur kluge Sprüche über ihren lauen Job anhören. Tatsächlich fand ich es sehr nachvollziehbar, dass sich ihre anfängliche Motivation, Lehrerin zu werden, irgendwann verflüchtigt hat,  weil sie von niemandem Anerkennung erhält und sich irgendwann auch selbst nicht mehr die kleinen Gründe zusammenkratzen möchte, die sie ihren Beruf noch lieben lassen würden.

Dass sie frustriert ist, merkt man ihr auch anfangs am Umgang mit ihren Schülern an. Bücher über Lehrer gibt es mittlerweile ja wie Sand am Meer. Lehrerinnen wie Frau Freitag und Fräulein Krise merkt man in ihren Erzählungen auch immer an, dass sie trotz allen Ärgers und aller Frustration ihre Schüler lieben wie sie sind. Doch hier ist die Autorin zu Anfang nur genervt, motzig und patzig. Das wird später aber anders, als sie sich mit dem Gedanken angefreundet hat, sich eine neue Berufung zu suchen – je näher ihr Jobwechsel rückt, desto mehr wird ihr deutlich, wie sehr sie vor allem ihre Chaoten-Achter liebt. Tatsächlich schaffen es Kollegen, Schüler und Eltern erst dann, ihr einmal positive Rückmeldung zu geben, als es schon zu spät ist.

Durch Zufall stolpert Meike Frei über ihre wahre Berufung – das Friseurendasein. Sie ist begeistert davon, mit wie viel Freude ihre späteren Kollegen ihren Job ausüben. Zwar erfährt sie in ihrem Praktikum, dass sie ebenfalls absolute Horrorkunden haben und der Job auch seine Schattenseiten hat. Dennoch findet sie viele positive Aspekte an dem Beruf des Friseurs, auch wenn sie sich selbst dabei ertappt, dass sie ihre eigenen Vorurteile erst einmal widerlegen muss und sich ebenso weiter mit ihrem Umfeld darüber streiten muss, dass auch Friseure zu wenig Anerkennung für ihren Job erhalten. Leider fand ich, dass ihre Zeit im Friseursalon und ihren eigenen Experimenten an ihrer besten Freundin viel zu kurz kommen. Ich hätte mir weniger Schule und mehr Friseursalon gewünscht – Schule kenne ich mittlerweile ja in und auswendig, ich hätte gerne gesehen, wie sich ihre dortige Erfahrung in ihrem neuen Job auswirkt und wie es sich überhaupt so arbeitet in einem Salon.

Ich frage mich ja tatsächlich, ob diese Wörter aus den Jugendsprachewörterbüchern wirklich irgendwo verwendet werden. Sprechen Berliner Hauptschüler wirklich so? Ich fand die Sprache der Schüler, die Frau Frei hier unterrichtet, ja teilweise extrem aufgesetzt (vom hyperintelligenten Leon, der sich wohl vom Elitegymnasium an die Brennpunkthauptschule verlaufen hat ganz zu schweigen). Vielleicht wurde ich mit meinen Schülern aber auch immer verwöhnt – da war das Deutsch zwar auch nicht 1A, aber immerhin wusste ich, was sie von mir wollen. Von „Senfautomaten“, der gechillten Base und „Lass mal Haare wehen“ habe ich zumindest in diesem Buch das erste Mal in Anwendung gehört.

Ob Frau Frei wirklich ihren Traumberuf gefunden hat, lasse ich hier mal offen. Nur so viel sei gesagt: Jeder Beruf hat gute und schlechte Seiten und die schlechten übersteht man wohl nur, wenn man sich immer wieder die guten vor Augen hält.

Fazit

Zwar eines von vielen Lehrerbüchern, in denen nterhaltsam über den Lehralltag berichtet wird, aber mit einem interessanten neuen Gedanken aufgepeppt.

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|Rezension| Nina Ponath „Viele Frösche musst du küssen, Tinderella!“

|Rezension| Nina Ponath „Viele Frösche musst du küssen, Tinderella!“

tinderella

Eden Books * 14.03.2016  * ISBN 978-3-9591-0047-2

TB 12,95 €  * eBook 9,99 €

KlappentextTinder hat sich seit geraumer Zeit zu DEM Dating-Portal schlechthin gemausert. Man meldet sich an, bekommt Bilder von Singles vorgeschlagen und mit einem Wisch kann sich entscheiden, ob man heute noch ein Date hat oder nicht. Diese Einfachheit und Zwanglosigkeit hat in der Netzgemeinde jedoch schnell dazu geführt, dass man hier auch eher lockere Bekanntschaften macht, die in der Regel so gar nicht den eigenen Erwartungen entsprechen. Erst nach einer wahren Odyssee durch die Welt der verrückten Tinder-Treffen kommt das Beste dann doch noch zum Schluss: Ninas Happy End mit Traummann Jannick. In diesem Buch schreibt Nina von ihren und von Jannicks skurrilen und witzigen Erfahrungen und Katastrophendates, bis sie sich endlich gefunden haben.

Meinung

Ich liebe ja diese Bücher der Art „Ich probiere etwas aus und erzähle euch mal, wie das so war“. Alexandra Reinwarth ist für mich die Meisterin in diesem Bereich, aber ich sehe mich gern auch nach ebenbürtigen Autoren um. Deswegen war ich sofort fasziniert von der Idee, die in „Viele Frösche musst du küssen, Tinderella“ verfolgt wird. Ich erwartete mir lustige Dategeschichten und Chatverläufe.

Tatsächlich fällt es mir etwas schwer, diese Rezension zu schreiben im Bewusstsein, dass sowohl die Autorin als auch ihr Freund als auch alle drum herum tatsächlich existierende Menschen sind und keine erfundenen theoretischen Figuren. Denn wenn ich ehrlich bin, würde ich keinem von ihnen gerne auf einer Internetplattforum für Singles begegnen (oder überhaupt), weil sie genau das darstellen, was ich dabei fürchten würde. Das trifft vor allem aber auf die männliche Seite zu.

Das liegt auch daran, dass so viele echt unnötige, auch verletzende Treffen nicht hätten sein müssen, wenn man einfach mal ehrlich gewesen wäre. Obwohl man es der Autorin auch nicht recht machen kann, denn sowohl ein einfaches Hallo als auch ellenlange Texte sind für sie ein No-Go, am liebsten hätte sie einen witzigen Abschleppspruch. Mir persönlich wäre ein normales Hallo ja tausendmal lieber als ein blöder Spruch, der sowieso nur Copy und Paste-mäßig benutzt wird. Bei vielen Typen hat sie von vornherein ein mulmiges Gefühl im Bauch, auf das sie aber nie hört. Die Autorin berichtet nicht nur einmal davon, wie sie hinten und vorne belogen wird, zeitgleich gedatet mit anderen Frauen, durch aufpolierte Bilder getäuscht oder nur als schnelle Nummer herhalten soll, ohne das aber so deutlich zum Ausdruck zu bringen. Damit bestätigt sie zum einen ihren eigenen Eindruck von der Flirtapp, zum anderen aber auch die Befürchtung, die man selbst dabei auch so hat – um sich einen One Night Stand zu suchen, ist das ganze ja echt prima, aber die ernsthaften Beziehungskandidaten kann man suchen wie die Nadel im Heuhaufen.

Umso schlimmer fand ich Janniks Bericht, weil er genau das repräsentiert. Es tut mir ja echt leid, und die Idee, auch den Mann zu Wort kommen zu lassen in allen Ehren, aber mir war er echt unsympathisch, eben genau _weil_ er so viel Tinderklischee war. Für ihn ist es völlig okay, die Frauen da abzuschleppen, aber selbst kontaktiert zu werden, um abgeschleppt zu werden, geht für ihn gar nicht? Und bei Frauen, die angetüdelt bis betrunken sind, versucht er ja gerne mal, ob was geht? Allein bei der Aussage stellen sich mir sämtliche Nackenhaare auf. Außerdem hat er ein echt ernsthaftes Problem mit Yoga (wie seine Freundin übrigens auch), lesende yogamachende Frauen kommen für ihn nämlich gar nicht in die Tüte. Der Gipfel war dann, als er ein Mädchen, das sich aufdrängt, einfach mit nach Hause nimmt (weil sie sich aufdrängt, jaja, wir wissen es), und anstatt der Frau einfach zu sagen: „Ey, sei mir nicht böse, das mit uns läuft gar nicht.“, hat er mit ihr Sex, den er eigentlich blöd fand, und meldet sich dann erst am nächsten Tag nicht und nach hundert (zugegeben nervigen, aber verständlichen!) Nachfragen schenkt er ihr übers Telefon reinen Wein ein. What? Wenn ich könnte, wie ich wollte, wäre dieser Beitrag ein Ü-18 Beitrag wegen sämtlicher Schimpfwörter, die mir hier in den Sinn kommen. Das geht gar nicht, ganz egal, wie verquer seine Flirtpartnerin war!

Jannik hat übrigens auch einen echt dicken Kumpel, der Frauen im Sinne von Angelina Jolie in „Durchgeknallt“ – also irre, abgemagert, aber mit großen Titten – so geil findet, dass er den ganzen Film über einen Ständer hatte. Zur Aufklärung: In Durchgeknallt geht es um die wahre Geschichte einer Psychiatrieinsassin, die von ihren 18 Monaten dort und den Menschen erzählt, die sie dort kennengelernt hat. Es geht um Depressionen, Selbstmord, Verzweiflung, Abhängigkeit, Selbstverletzung und Essstörungen.  Ich finde keine Worte außer: Solchen Männern möchte ich nachts nicht auf der Straße begegnen. Und das sind nur zwei Punkte, die mich innerlich schon auf 180 getrieben haben, die Liste wäre durchaus noch länger.

Die Anekdoten, die zwischendrin eingestreut werden, entschädigen ein wenig für diese abschreckende männliche Riege, die hier auftaucht, und die Idee, dass Jannik und Nina sich immer wieder über den Weg laufen oder Bekannte daten, war ganz nett, weil es zeigt, wie klein die Datingwelt auch sein kann.

Insgesamt hat mich dieses Buch aber nur mit einem Gefühl zurückgelassen: Gott sei Dank bin ich kein Single und muss so einen Mist nicht mitmachen, mir diese Lügereien antun und mich selbst in ein Licht rücken, das mit mir als Person gar nichts zu tun hat. Tinder ist nicht umsonst zuerst auf Optik ausgerichtet.

Fazit

Eine Erfahrungsgeschichte, die einerseits zwar Mut macht, dass den Partner im Internet zu finden auch möglich ist, deren männliche Protagonisten aber jede Angst bestätigen, die man im Zusammenhang mit Flirtapps nur haben kann.

|Rezension| Susanne Beyer, Martin Doerry „Mich hat Auschwitz nie verlassen“

|Rezension| Susanne Beyer, Martin Doerry „Mich hat Auschwitz nie verlassen“

auschwitz

DVA * 21.09.2015 * ISBN 978-3-641-17463-7

HC 29,99 € * eBook 23,99 € *  Leseprobe

Klappentext

Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten das Konzentrationslager Auschwitz. Mehr als eine Million Menschen waren hier von den Nationalsozialisten ermordet worden; nur wenige Gefangene kamen mit dem Leben davon. Diejenigen, die die Lagerhaft überlebten, konnten oder wollten in den Jahren nach der Befreiung meist nicht über ihre Erlebnisse sprechen. Sie fühlten sich außer Stande, über die Exzesse der Entwürdigung, die sie in Auschwitz erfahren mussten, zu reden, oder sie fanden für ihre Erinnerungen kein Gehör.

Weltweit haben SPIEGEL-Redakteure und -Mitarbeiter nun ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers besucht und befragt, Susanne Beyer und Martin Doerry haben diese Berichte in einem Buch zusammengestellt. Die beeindruckenden Schilderungen der letzten überlebenden Zeugen von Auschwitz werden reich bebildert mit Porträts, die die Fotografen Sara Lewkowicz und Dmitrij Leltschuk für diesen Band anfertigten. [randomhouse]
Meinung

Aus Geschichte zu lernen ist wichtig, war aber wohl noch nie wichtiger als in der momentanen Zeit. Natürlich kann man dafür Geschichtsbücher wälzen und Gedenkstätten besuchen, doch nichts vermittelt einen so lebendigen Eindruck wie die Erzählungen derer, die sie erlebt haben. In „Auschwitz hat mich nie verlassen“ erzählen 20 Überlebende, die mittlerweile überall auf der Welt leben, wie sie nach Auschwitz kamen, was sie dort erlebt haben und wie sie die Befreiung empfunden haben. Obwohl sich alle am selben Ort befunden haben, sind es doch 20 grundverschiedene Geschichten, die sich nur in ihren Tatsachen überschneiden.

Jeder der Überlebenden hat das, was geschehen ist, anders verarbeitet – was die einen nur als Nebensache erwähnen, hat sich den anderen auf immer in den Kopf gebrannt. Auch wie sie mit ihren tätowierten Nummern umgehen, ist grundverschieden – manche zeigen sich offen, manche verstecken sie oder haben sie sogar wegbrennen lassen, um sie nicht mehr sehen zu müssen. Manche konnten flüchten und berichten von ihrer Flucht. Manche fanden sogar ihre große Liebe im Lager. Aber alle sind sich einig: Was wir erlebt haben, muss erzählt werden. Und was sie erlebt haben, ist so unmenschlich und erschreckend, dass ich beim Lesen oft schlucken musste. Oft fällt in den Berichten der Satz, sie wurden behandelt und hätten sich gefühlt wie „Vieh“. Keine Brutalität wurde nicht dazu genutzt, ihnen vor Augen zu führen, wie wenig sie wert waren und wie brutal ihr Leben enden wird, wenn sie keinen Nutzen mehr für die Nazis haben. Nur wenige berichten von Deutschen, die ihnen geholfen haben, am Leben zu bleiben. In Auschwitz wurden die größten Monster eingesetzt, wird erzählt.

Begleitet werden die Berichte von alten Bildern der Zeitzeugen und eindrucksvollen Porträts.

Fazit

Ein wunderbares und gleichzeitig erschreckendes Beispiel für gelungene Oral History.

|Rezension| Albert Espinosa „Club der roten Bänder“

|Rezension| Albert Espinosa „Club der roten Bänder“

club

Goldmann * 19.10.2015 * ISBN 978-3-442-22176-9

TB 8,99 € * eBook 7,99 € * Leseprobe

Klappentext

Albert Espinosa ist vierzehn Jahre alt, als er an Knochenkrebs erkrankt. Doch statt zu resignieren, nimmt er den Kampf gegen die Krankheit auf. Mit fünf anderen „Todgeweihten“ gründet er den Club der roten Bänder. Gemeinsam finden sie heraus, wie Glücklichsein wirklich geht. Albert ist davon überzeugt, dass eine Glücksakte viel wichtiger ist als eine Krankenakte mit Fieberkurve. Als sein Bein amputiert werden muss, veranstaltet er eine Abschiedsparty für das Bein. Seine Glücksregeln stecken voller Humor und Optimismus und zeigen: Glück, das nicht auf der Hand liegt, sondern sich erst auf den zweiten Blick zeigt, ist dafür umso intensiver.

Dieses Buch ist auch unter dem Titel „Glücksgeheimnisse aus der gelben Welt“ im Goldmann Verlag erschienen.

Meinung

Die Serie „Club der roten Bänder“ fand schnell eine große Fangemeinde . Das liegt sicher unter anderem daran, dass sie auf dem Leben von Albert Espinosa basiert und eine Adaption von Polseres vermelles ist, einer spanischen Serie, an der der Autor maßgeblich mit beteiligt war.

Das dazugehörige Buch, das im Goldmannverlag erschienen ist, sollte man als Ergänzung zu der Serie sehen. Hier berichtet der Autor eigentlich nur am Rande von seinem Leben im Krankenhaus. Es tauchen zwar immer wieder einzelne Episoden und Zitate auf, man erhält aber bei Weitem keinen Überblick über den Krankenhausalltag.

Vielmehr nutzt der Autor dieses Buch, um seine Erkenntnisse zu teilen, die er innerhalb der langen Krankenhauszeit erlangt hat. Dabei betont er, dass diese Schlüsse, die er gezogen hat, nicht nur für jemanden gelten, der krank ist, sondern auch von jedem anderen angewendet werden können. Und damit hat er auch eindeutig Recht. Er selbst handelt immer noch danach, auch wenn er nun gesund ist.

Man sollte sich für dieses Buch wirklich Zeit nehmen. Zuerst nahm ich es in die Hand und dachte mir: Ach, da bist du ja innerhalb eines Tages durch. Pustekuchen. Denn auch wenn die Kapitel manchmal nur zwei oder drei Seiten umfassen, ist das, was man darin liest, doch keine leichte Kost für zwischendurch, sondern etwas, worüber man immer wieder und länger nachdenken muss. Ich möchte sogar behaupten, dass einmal Lesen bei Weitem nicht reicht. Und es ist wirklich sehr faszinierend, einen so deutlichen Blick darauf zu bekommen, was plötzlich wichtig und unwichtig ist, wenn man den Tod vor Augen hat.

 

Fazit

Ein Buch, für das man trotz seines geringen Umfangs eine ganze Menge Zeit einplanen sollte, wenn man jeden klugen Ratschlag mitnehmen möchte.

|Rezension| Jason Good „Kinder sind der Wahnsinn“

|Rezension| Jason Good „Kinder sind der Wahnsinn“

kinder

Goldmann * 22.6.2015 * OT This is Ridiculous, This is Amazing * ISBN: 978-3-442-17516-1

 TB 8,99 € * eBook 7,99 € * Leseprobe * Autor

Klappentext

Mit Humor geht alles einfacher, besonders das Elternsein. Ob es nun um die 7 Stadien geht, die ein Kind im Wutanfall durchläuft, oder um 10 Plätze, an denen Eltern unentdeckt Kekse essen können: Jason Good hat 71 Listen zusammengestellt, die die Absurdität und den Spaß einfangen, den eine Familie mit sich bringt – nicht zu vergessen all die herzwärmenden Momente, die das Leben mit Kindern zu einer besonderen Erfahrung machen. (© randomhouse)

Meinung

Mama bin ich ja noch nicht. Vormittagsmama zwischen den Ferienzeiten schon. Freundin von Eltern auch. Ich bin ein großer Kinderfan, bewundere aber jeden, der seinen kompletten Alltag mit ihnen meistert. Außerdem bin ich ein Listenfan. Da ist „Kinder sind der Wahnsinn“ ja ideal für mich.

Jason Good hat einen unschlagbaren Humor, den er schon in der Einleitung zeigt (laut ihm auch das einzige Stück Lesearbeit für Eltern mit wenig Zeit). Gegenteiliges hätte mich bei einem Stand Up-Comedian aber auch gewundert. Die müssen auf den Punkt komisch sein und das kann er – mit einer gehörigen Prise Selbstironie, was sein Vatersein angeht.

Die Listen sind in 6 thematische Bereiche eingeteilt wie „Vorbereitung“ und „Ansprüche runterschrauben“. Die Listen an sich sind verschieden lang gehalten und werden immer von einem kleinen Text eingeleitet, der erklärt, was sich der Autor dabei gedacht hat. So ganz erschließen sich manche Punkte auf den Listen aber nicht automatisch beim ersten Lesen. Und so ganz lustig waren leider auch nicht alle, weil der Autor bei manchen Themen einfach übers Ziel hinausschießt. Situationen zu überspitzen ist sicher ein gängiges und oft wirksames Mittel des Comedian, aber ab einem bestimmten Punkt ist es dann nur albern. Das fing schon bei der ersten Liste an, in der er eine Notfallausrüstung zusammenstellt, die unter anderem Pelikanabwehrmittel beinhaltet.

Nach besagter erster Liste hatte ich schon Sorge, dass es so überspitzt weitergeht, Gott sei Dank hat sich das aber so nicht bewahrheitet. Über den meisten Listen saß ich auch als halbwegs neutraler Außenstehender kichernd und habe wissend genickt. Und in jeder Liste liest man doch heraus – für Jason Good ist Kinderhaben zwar anstrengend, aber das Beste, was ihm je passiert ist.

Fazit

Humor in Portionen, die auch beschäftigte Eltern zwischendrin mal einschieben können. Uterhaltsam für Eltern und die, die es gerade werden wollen.

|Rezension| Sophie Seidel „Are you finished?“

|Rezension| Sophie Seidel „Are you finished?“

finished

blanvalet * 20.4.2015 * ISBN: 978-3-7341-0053-6

 TB 8,99 € * eBook 7,99 € * Leseprobe

Klappentext

Wer Menschenkenntnis entwickeln will, sollte Psychologie studieren – oder in der Gastronomie arbeiten. Denn: Die wahren menschlichen Abgründe tun sich dort auf, wo der Mensch isst, trinkt und am Stammtisch sitzt. Als Sophie Seidel sich als Kellnerin etwas Geld dazuverdienen will, geben ihr die Kollegen keine zwei Wochen. Sie beißt sich durch, stemmt Bierkrüge und vollgeladene Teller und hört nachts zum Abreagieren Metallica. Doch schuld am täglichen Irrsinn sind weder die Kollegen noch der diktatorische Koch: Es sind die Gäste, die Sophie Seidel an den Rand des Wahnsinns treiben … Ein humorvoller Bericht aus dem Leben einer Kellnerin. (© randomhouse)

Meinung

Ich finde es ja immer unheimlich interessant zu erfahren, wie es ist, in fremden Schuhen zu stecken, zumindest gedanklich. Also lese ich gerne Bücher, in denen Menschen von ihrem Job erzählen. Manchmal fühle ich mich dabei wie bei einer permanenten Jammerparade, andere treffen die perfekte Mischung aus Humor, Ernsthaftigkeit und Informationen, die helfen, besser zu verstehen, wie es in diesen Jobs läuft. Sophie Seidel gehört eindeutig zu der zweiten Kategorie.

Sophie Seidel ist Kellnerin in einem bayrischen Restaurant und komischerweise hatte ich bei ihren Erzählungen immer die Kellner und Kellnerinnen aus einem meiner liebsten Restaurants vor Augen, das zufällig auch eins der Sorte ist. Ich bin mir aber sicher, dass es nicht nur mir so geht, sondern dass jeder gedanklich seine Lieblingseinkehrorte durchgeht und dabei an deren Mitarbeiter denkt. So hin und wieder habe ich mich auch ein wenig beschämt dabei entdeckt, dass ich etwas für Kellner echt nerven- oder zeitraubendes gemacht habe, natürlich ohne bösen Willen. Aber gerade deswegen ist es wichtig, auch Einblicke in andere Berufe zu bekommen, weil einem vieles im Hintergrund so gar nicht bewusst ist und man in Zukunft besser darauf achten kann.

Die Autorin erzählt in den einzelnen Kapiteln themenbezogen von ihrem Arbeitsalltag. Mal gibt es da traurige Geschichten zu erzählen, mal lustige und mal absurde – und das gerne in der wörtlichen Rede im tiefsten Bayrisch. Fand ich persönlich super, aber ich vermute, der eine oder andere muss über manchen Satz erst einmal grübeln, was er bedeuten soll. Außerdem gibt es am Ende jeden Kapitels eine Top 5 – Top Fragen, Kollegenkommentare, etc. (Da fand ich aber zugegeben manche Begebenheiten, die Gott sei Dank ausführlich beschrieben wurden, mehr Top Five-würdig) Auch wachsen einem sowohl die Autorin als auch deren Kollegen, von denen sie so liebevoll erzählt, ans Herz, auch wenn es sich dabei um einen bärbeißigen Koch handelt.

Fazit

Unterhaltsame Anekdoten aus dem Leben einer Kellnerin – eine nette Lektüre für Sonnenstunden im Biergarten.

|Rezension| Lilly Lindner „Splitterfasernackt“

|Rezension| Lilly Lindner „Splitterfasernackt“

splitterfasernackt

Knaur * 1.7.2013 * ISBN: 978-3-426-78488-4

 TB 9,99 € * eBook 9,99 € * Leseprobe * Autor

Klappentext

Lilly Lindner ist sechs, als der Nachbar beginnt, sie regelmäßig zu vergewaltigen. Er droht ihr mit dem Schlimmsten, falls sie etwas ihren Eltern erzählen sollte. Und so schweigt das kleine Mädchen. Schließlich zieht der Mann weg – doch Lillys Leben ist längst aus dem Lot. Mit 13 Jahren fängt sie an zu hungern – damit von ihrem geschundenen Körper möglichst wenig übrig bleibt. Doch die Schande macht sie damit nicht ungeschehen. Und so beschließt Lilly als junge Frau, ihren Körper, der ihr schon lange nicht mehr gehört, in einem Edel- Bordell zu verkaufen. Und ausgerechnet hier beginnt sie, ihre ungeheuerliche Geschichte aufzuschreiben – und verfasst ein beeindruckendes, provozierendes Buch von großer Sprachgewalt. (droemer-knaur.de)

Meinung

Das Leben schreibt manchmal Geschichten, die sind so schwer zu ertragen, dass man es beim Lesen kaum aushält und sich nur schwer vorstellen kann, wie es ist, diese zu durchleben. Eine dieser Geschichten erlebte Lilly Lindner und beschloss, sie auf Papier zu bringen. Dabei wechselt sie zwischen schonungslos ehrlich und direkt formulierten Erlebnisberichten und in Metaphern verpackte Gefühle – als wären die letzteren nur zu ertragen, wenn man sie in Bilder verwandelt.

Tatsächlich finde ich es schwer eine Rezension zu schreiben über ein Buch, das eigentlich die Niederschrift eines Lebens ist, das durch eine Person in der Kindheit der Autorin zerstört und durch die Blindheit und das Versagen ihres Umfelds noch weiter in den Abgrund gerissen wurde. Was soll man dazu sagen? Die Geschichte war spannend, herzzerreißend, langweilig, ich fand den Schreibstil toll oder aufgesetzt? Dieses Buch zu lesen hat mich nun als Rezensentin wirklich in die Ecke gedrängt, denn Lilly Lindner hat sich das von der Seele geschrieben, was schwer darauf liegt, und über den Schreibstil zu sprechen oder einen roten Faden oder eine Spannungsbogen finde ich nicht angebracht.

Splitterfasernackt hat mich nicht überrascht, denn traurigerweise habe ich ähnliche Geschichten schon viel zu oft gelesen oder gehört. Aber darum ging es auch nicht. Vielleicht ruft es dazu auf, genauer hinzusehen, vielleicht einen zweiten Blick auf das zu werfen, was einem auf den ersten Blick schon spanisch vorkommt. Oder dazu, mehr auf die Gefühle unserer Mitmenschen zu achten.

Fazit

Das hier ist keine richtige Rezension, aber eine Empfehlung ist es sicher – zum Lesen dieses Buches und zum Darübernachdenken.