|Rezension| S. J. Kincaid „Diabolic“

|Rezension| S. J. Kincaid „Diabolic“

diabolic

Arena * 03.01.2017  *  OT: The Diabolic * ISBN 978-3-401-60259-2

HC 18,99 €  * eBook 15,99 € * Autorin

Klappentext

Eine Diabolic ist stark.

Eine Diabolic kennt kein Mitleid.

Eine Diabolic hat eine einzige Aufgabe: Töte, um den einen Menschen zu schützen, für den du erschaffen wurdest.

Als Nemesis und Tyrus sich am Imperialen Kaiserhof begegnen, prallen Welten aufeinander. Sie – eine Diabolic, die tödlichste Waffe des gesamten Universums. Liebe ist ihr völlig fremd. Er – der Thronfolger des Imperiums, der von allen für wahnsinnig gehalten wird. Liebe ist etwas, das ihn nur schwächen würde. Dass ausgerechnet diese beiden zusammenfinden, darf nicht sein. Denn an einem Ort voller Intrigen und Machtspiele ist ein Funke Menschlichkeit eine gefährliche Schwachstelle …

Meinung

Diabolic spielt mit einer für mich sehr interessanten Idee: Kann man Gefühle wirklich genetisch einfach entfernen oder sind sie Teil unseres Seins? Nemesis ist kein normaler Mensch, sondern wurde in einem Labor gezüchtet, um an reiche Familien als emotionsloser und körperlich überlegener Bodyguard verkauft zu werden. Dabei werden ihre Gehirnregionen so verändert dass sie sich nur auf eine einzelne Person prägen, die sie mit ihrem Leben schützen, ansonsten aber keine Gefühle besitzen, obwohl sie hochintelligent sind. Der Leser sieht sich als mit einer Protagonistin konfrontiert, für die menschliche Emotionen fern von Angst und Wut erst einmal fremd sind und die einen durchweg sachlichen Blick auf die Welt hat und nur aus dem Grund handelt, Sidonia zu schützen, wobei sie auch nicht vor Mord zurückschreckt. Für den Charakter selbst ergibt sich die Chance, zu entdecken, dass mehr Menschlichkeit in ihr steckt, je weiter die Geschichte voranschreitet, bis zu dem Punkt, wo sie Liebe empfinden kann. Ihr gegenüber stehen erst Sidonia und Tyrus, die beide den Glauben an mehr in Nemesis vehement vertreten und diesen auch aus ihr herauskitzeln. Tyrus selbst ist vom Charakteraufbau zwar kein außergewöhnlicher Charakter, sondern entspricht dem gewohnten Typ gutaussehender Rebell, seine Vorgeschichte, in der er sich als völlig verrückter Thronerbe gebärdet, war, wenn auch durchschaubar, sehr amüsant.

Die Beziehung zwischen Nemesis und Tyrus entwickelt sich erst langsam ab der Hälfte des Buches und ist ein stetes Auf und Ab der Gefühle, bei dem es die Autorin schafft, dass der Leser selbst irgendwann an Tyrus Absichten zweifelt.

Die Welt, in der die Geschichte spielt, ist ebenfalls nicht wirklich ganz neu – eine Gruppe weniger Mächtiger herrschen über eine große Menge von ihnen abhängiger Personen, allen voran steht ein bösartiger Machthaber. Dieses Prinzip hat in den letzten Jahren immer gut funktioniert und weitet sich hier einfach auf das gesamte Universum aus, in dem die Mächtigen vom Weltall aus über Planeten herrschen, die zum Teil gar nicht ideal zu bewohnen und damit abhängig von den Ressourcen der Herrscher sind. Dieser Weltaufbau entwickelte sich aus unserer bekannten Welt, indem die Menschen mit Technologie das Weltall komplett für sich erschlossen und deswegen die Erde verlassen haben. Dies schlägt sich in ihrem Glauben nieder – sie verehren Helios, die Sonne, die das Leben auf der Erde möglich gemacht hatte. Immer wieder wird diese Entwicklung als versteckter erhobener Zeigefinger genutzt, dass man sich nicht nur auf Technik verlassen sollte, ohne sie richtig zu verstehen, da die falsche Verwendung und die Unfähigkeit, kaputte Maschinen zu reparieren eine Art menschlich geschaffene schwarze Löcher verursacht hat, die die Menschen bedrohen.

Schon im ersten Kapitel wird deutlich, dass hier nicht an Brutalität gespart wird. Sowohl Nemesis als auch Tyrus sind nicht zimperlich, wenn es um Mord geht, um ihre Ziele zu erreichen. Es gibt mehrere Kampfszenen, die man verfolgen kann, und unzählige Tote auf Tyrus Weg zum Imperator. Ebenso – aber auf eher moralisierende Weise – wird mit den Themen Drogen und Schönheitskult umgegangen. Zum einen ist es in der höheren Gesellschaft normal, sich mit allen möglichen Substanzen  gemeinsam zu vergnügen. Auch ist es den Menschen durch ihre Technologie möglich, ihr Aussehen komplett zu verändern wie es ihnen beliebt, und das innerhalb kürzester Zeitabstände und wenn gewünscht auch nur für ein bestimmtes Ereignis. Genmanipulation ist an der Tagesordnung. So sind alle Angestellten ebenfalls wie Nemesis laborgezüchtete Menschen, denen jegliche Meinungsfreiheit weggenommen wurde. Sogar Menschen, die nur einem Opferritual dienen, werden bereitwillig gezüchtet und verkauft, da man der Ansicht ist, dass Menschen aus dem Labor keine Seele besitzen.

Ein wenig schade finde ich ja, dass der Verlag zu dem Untertitel „Vom Zorn geküsst“ gegriffen hat. In meinen Augen steht in Diabolic zwar das Thema Gefühle, nicht aber das Thema Liebe im Vordergrund, was in einer Masse an Jugendbüchern mit romantischen Plots eine erfrischende Ausnahme darstellt. Ich glaube, hier werden von vornherein die Leser abgeschreckt, die die Nase voll haben von Dystopien, die sich plötzlich nur noch um die Beziehung der Protagonisten drehen.

Fazit

Ein sehr interessanter Titel mit neuartiger Idee in einem altbekannten Grundsetting. Die Protagonisten sind sehr entwicklungsfähig und undurchschaubar, die Geschichte actionreich erzählt, wenn auch nicht zimperlich mit Themen wie Mord und Drogen umgegangen wird.

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|Rezension| Joelle Charbonneau „The Testing“

|Rezension| Joelle Charbonneau „The Testing“

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Templar * 01.08.2013 * The Testing #1 *  ISBN 978-1-848-77653-1

TB 7,99 €  * eBook 4,64 € * Leseprobe * Autorin

Klappentext

It’s graduation day for sixteen-year-old Malencia Vale, and the entire Five Lakes Colony  is celebrating. All Cia can think about—hope for—is whether she’ll be chosen for The Testing, a United Commonwealth program that selects the best and brightest new graduates to become possible leaders of the slowly revitalizing post-war civilization. When Cia is chosen, her father finally tells her about his own nightmarish half-memories of The Testing. Armed with his dire warnings, she bravely heads off to Tosu City, far away from friends and family, perhaps forever. Danger, romance—and sheer terror—await.

Meinung

The Testing und ich, wir hatten einen echt schweren Start. Ehrlich gesagt war ich anfangs tierisch genervt davon, dass es wirkte, als hätte jemand einen Haufen beliebter Dystopien genommen, um sich hier und da und dort ein Stückchen zu klauen. Ein bisschen Divergent, ein wenig Panem, ein Portiönchen Shatter Me –tada, fertig. Deswegen wirkte für mich die Welt auch ein wenig zu unausgereift. Nicht, dass sich alle Länder gegenseitig die Erde weggebombt haben, bis nichts Bewohnbares mehr übrig war. Das glaub ich sogar. Aber dass man Jugendliche von daheim wegholt, einen Großteil davon einfach mal sterben lässt und niemandem fällt das auf – öh, nö?

Und trotzdem – irgendwie konnte ich nicht aufhören zu lesen. Wie konnte ich nicht wissen, wie es weitergeht? Meine Neugier fesselte mich an dieses Buch. Irgendwas hat die Autorin also doch richtig gemacht. Ich wollte wissen, wie die Tests aussehen, wollte wissen, wer überlebt und wer nicht, und – auch wenn es mich unheimlich an Panem und seine Arenen erinnert hat – wer den vierten Test übersteht und wer sich als skrupelloser Mörder herausstellt. Ich wollte erfahren, wer auf ihrer Seite ist und wer nur so tut, wo die Verräter in den Reihen der Regierung sitzen – ich wollte wissen, wissen, wissen. Verdammt. Dabei war ich schon so darauf eingestellt, das Buch zu hassen.

Hieran ist sicher nichts Neues – aber man hat Altbekanntes einfach spannend umgesetzt und manchmal reicht das ja auch, dass man plötzlich bis spät nachts über dem Reader hängt.

Fazit

Eine Geschichte mit Schwächen, ein Mischmasch aus bekannten Dystopien – und doch auf seine eigene Art reizvoll.

|Rezension| V.E. Schwab „This Savage Song“

|Rezension| V.E. Schwab „This Savage Song“

savage song

Titan * 07.06.2016 * The Monsters of Verity #1 * ISBN 978-1-785-65274-5

TB 7,99 €  * eBook 4,00 € * Autorin

KlappentextKate Harker and August Flynn are the heirs to a divided city, a grisly metropolis where the violence has begun to create real and deadly monsters. All Kate wants is to be as ruthless as her father, who lets the monsters roam free and makes the inhabitants pay for his protection. August just wants to be human, as good-hearted as his own father-but his curse is to be what the humans fear. The thin truce that keeps the Harker and Flynn families at peace is crumbling, and an assassination attempt forces Kate and August into a tenuous alliance. But how long will they survive in a city where no one is safe and monsters are real…

Meinung

Monster in einem Buch hatte ich ja schon lange nicht mehr – das hat mich besonders an This Savage Song gereizt. Dass ich mich aber so Hals über Kopf einmal wieder in ein Buch verlieben würde, hatte ich nicht geahnt.

Zum einen liegt das an der Protagonistin Kate – Kate ist nämlich eine ganz coole Socke. Sarkastisch, irgendwie bösartig, nicht zimperlich, was Blut angeht. Kate ist kein kleines Weibchen, das auf hart tut, aber trotzdem dauernd gerettet werden muss – Kate nimmt das lieber selbst in die Hand und rettet dadurch August öfter als umgekehrt aus misslichen Lagen. Aber August steht ihr in Sarkasmus in nichts hinterher, auch wenn er eher der zartfühlendere Teil dieser Freundschaft ist, obwohl er ja ironischerweise eigentlich das Monster ist. Freundschaft deswegen, weil es – endlich mal – nicht darum geht, dass sich zwei aus reiner, hormongesteuerter Liebe miteinander beschäftigen, sondern weil sie erst eine ganz mühelose Verbindung zueinander aufbauen konnten, die darauf basiert, dass alle um sie herum blinde Mäuschen sind und sie zwei Katzen zwischendrin. Alles, was sonst noch anklingt, schwingt eher zwischen den Zeilen mit und nimmt keinen so großen Teil der Handlung ein.

“I read somewhere,“ said Kate, „that people are made of stardust.“
He dragged his eyes from the sky. „Really?“
„Maybe that’s what you’re made of. Just like us.“
And despite everything, August smiled.

Der Schreibstil erinnert an Maggie Stiefvater – unaufgesetzt, aber trotzdem poetisch, Passagen, die man sich hundertmal bunt anstreichen möchte und Bilder, die einem noch lange im Kopf haften bleiben, auch wenn man das Buch schon längst zur Seite gelegt hat. Zugegeben, am Anfang nimmt sich die Geschichte echt Zeit und man blickt eher weniger durch, was denn nun überhaupt abgeht. Ein kurzer Abriss: Die Protagonisten leben in Verity, dessen Hauptstadt in zwei Hälften geteilt ist. Ein bisschen Romeo und Julia-mäßig (wie erwähnt ohne Liebeshormongedöns) sind Kate und Augst die Kinder der beiden Oberbosse der Stadthälften und August soll Kate näher kommen, um die Verbindung zu nutzen, wenn der momentane Waffenstillstand bricht. In dieser Welt gibt es Monster, die aus Gewaltverbrechen hervorkommen, und August ist einer von drei Sunai, die stärkste und gleichzeitig menschlichste Form der Monster.

Sunai, Sunai, eyes like coal,
Sing you a song and steal your soul.

Sunais sind richtig cool und ich bin so verliebt in diese Idee, deswegen muss ich darauf noch einmal genau eingehen: Sunai entstehen aus Massenmorden wie Explosionen oder Amokläufen. Sie ernähren sich von den Seelen derer, die solche Verbrechen begangen haben, indem sie diese Seelen mit Musik an die Oberfläche holen und dann absorbieren. Wenn sie das nicht tun, werden sie irgendwann so hungrig, dass sie sich in böse Schattenmonster verwandeln und wahllos Menschen umbringen. Jeder Tag, den sie ohne Rückfall schaffen, zeichnet sich auf ihrer Haut ab: August hat einfache Striche, sein Bruder Leo Kreuze und Ilsa (und in Ilsa bin ich wirklich wirklich sehr verliebt, weil sie so sanft ist und dabei die gefährlichste von allen dreien!) Sterne.

She cracked a smile. „So what’s your poison“
He sighed dramatically, and let the truth tumble off his tongue. „Life.“
„Ah,“ she said ruefully. „That’ll kill you.”

Fazit

Lest dieses Buch. Nein. Ehrlich. Lest dieses Buch! Es ist so poetisch und spannend und hat Frauen, die richtig rocken, und Monster und Musik! Was will man noch?

|Rezension| Kirsty Logan „The Gracekeepers“

|Rezension| Kirsty Logan „The Gracekeepers“

the gracekeepers

Vintage * 10.03.2016 * ISBN 978-1-7847-0013-3

TB 10 €  * eBook 6,50 * Leseprobe * Autorin

Klappentext As a Gracekeeper, Callanish administers shoreside burials, laying the dead to their final resting place deep in the depths of the ocean. Alone on her island, she has exiled herself to a life of tending watery graves as penance for a long-ago mistake that still haunts her. Meanwhile, North works as a circus performer with the Excalibur, a floating troupe of acrobats, clowns, dancers, and trainers who sail from one archipelago to the next, entertaining in exchange for sustenance.

In a world divided between those inhabiting the mainland (“landlockers”) and those who float on the sea (“damplings”), loneliness has become a way of life for North and Callanish, until a sudden storm offshore brings change to both their lives–offering them a new understanding of the world they live in and the consequences of the past, while restoring hope in an unexpected future.

Meinung

“We don’t belong anywhere, because we can belong everywhere.”

Es gibt Bücher, die reißen dich nicht mit einer atemberaubenden spannenden Story mit, sondern schleichen sich langsam in dein Herz mit ihrer poetischen Sprache und ihrer sich langsam entwickelnden, aber tiefgehenden Geschichte. So ein Buch ist The Gracekeepers.

Kirsty Logan malt mit Worten das Bild einer überschwemmten Welt, in der das Element Wasser sich seinen Weg gebahnt hat und Land – und alles, was damit zusammenhängt – ein wertvolles Gut geworden ist. Nun gibt es diese Menschen, die sich nicht vorstellen können, dass man freiwillig auf diesen unbeweglichen Flecken Drecks leben kann, auf denen man gefangen ist. So jemand ist North. Sie wurde auf dem Zirkusboot geboren, auf dem sie nun auch als Bärendompteurin arbeitet. Ihr Bär ist ihre einzige Familie, ihr einziger Vertrauter – doch das fesselt sie auch an den Zirkus und seinen unberechenbaren Direktor, der sie mit seinem Sohn verheiraten und auf ein Haus an Land verfrachten will – für sie eine Horrorvision.

Norths Zirkusboot hatte ich beim Lesen sehr deutlich vor Augen, weil es wie ein schimmerndes Paradies beschrieben wird, in dem schillernde Figuren ihre Rollen sehr gut spielen und Tag für Tag mit ihrem Leben spielen, um die Landbewohner zu unterhalten. Doch unter dem bunten und leuchtenden Mantel steckt der Verfall, ebenso wie unter den lächelnden geschminkten Masken der Darsteller verdorbene Charaktere nisten, die sich selbst die Nächsten sind.

Callanish hingegen sitzt buchstäblich in ihrem Haus fest, denn aus mehr besteht ihre Insel gar nicht. Auch ihre Einsamkeit an diesem stillen Ort, ihr Dasein als Mülleimer für das Seelenleben Fremder, steht einem deutlich vor Augen. Mit der Ankunft des Zirkusbootes und damit auch Norths wird etwas in ihrem Inneren in Bewegung gesetzt, das sie dazu bringt, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.

Doch man bekommt nicht nur North und Callanish mit – die Kapitel werden aus vielen verschiedenen Sichtweisen erzählt. So schafft es die Autorin zum Beispiel, dass man mit einer Figur trauert, die vorher nur am Rande erwähnt wurde, viele zwielichtige Motive aufgedeckt werden oder man einfach nur darin bestätigt wird, dass die betreffende Figur immer inneren genauso mies ist wie man es schon vermutet hat. So bekommen auch Nebenfiguren eine gewisse Tiefe, die andere Bücher vermissen lassen.

The Gracekeeper kommt eigentlich ganz gut ohne die große Liebesgeschichte aus, obwohl natürlich Gefühle eine Rolle spielen. Dass sich Callanish und North so zueinander hingezogen fühlen, blieb für mich einerseits irgendwie unbefriedigend, sehen sie sich doch nur für eine kurze Weile und teilen ihre dunkelsten Geheimnisse miteinander. Andererseits sind sie zwar ein Anker füreinander, aber nicht entscheidend für die Handlungen, die nach ihrem Treffen folgen. Eher haben die beiden sich wachgerüttelt und gehen dann wieder ihren eigenen Weg, den jeweils anderen dann als Kraftquelle im Gedanken, wenn es schwer wird.

Fazit

Eine eher stille Geschichte in poetischer Sprache und dennoch auf ganz eigene Art mitreißend.

index

|Rezension| Sophie Jordan „Infernale“

|Rezension| Sophie Jordan „Infernale“

infernale

Loewe * 15.02.2016 * OT: Uninvited (#1) * ISBN 978-3-7855-8167-4

HC 17,95 € * eBook 13,99 € * Leseprobe * Autor

Klappentext

Als Davy in einem DNA-Test positiv auf das Mördergen Homicidal Tendency Syndrome (HTS) getestet wird, bricht ihre heile Welt zusammen. Sie muss die Schule wechseln, ihre Beziehung scheitert, ihre Freunde fürchten sich vor ihr und ihre Eltern meiden sie. Aber sie kann nicht glauben, dass sie imstande sein soll, einen Menschen zu töten. Doch Verrat und Verstoß zwingen Davy zum Äußersten. Wird sie das werden, für das alle Welt sie hält und vor dem sie sich am meisten fürchtet – eine Mörderin?
MeinungWie viel von dem, was uns als Menschen ausmacht, liegt in unserer DNA? Mit dieser Frage beschäftigt sich Infernale. In Davinas Zukunft wurde das sogenannte Mördergen entdeckt, das angeblich alle, die je einen Mord begangen haben, in sich tragen. Da die Kriminalitätsrate weiter und weiter steigt, ist es gelungen, ein Gesetz zu beschließen, das einen Test auf das HTS – das Homicidal Tendency Syndrome – in Amerika zur Pflicht zu macht.

Tatsächlich ist die Hauptfrage in diesem Buch, ob es unsere Gene unumgänglich machen, dass wir uns in eine bestimmte Richtung entwickeln, oder ob es die äußeren Umstände sind, die uns in Rollen zwingen, die wir gar nicht erfüllen wollten. Für Davy ist dies die Hauptfrage – dass sie das Gen trägt, ist für alle Schock und Überraschung zugleich, weil sie eine strahlende Zukunft als Musikwunderkind und Einserschülerin vor sich hatte. Bis dato und auch über ihr Outing hinaus hat sie immer wieder den Eindruck, dass man anderen ansehen könne, ob sie das Gen zu Recht tragen, und ist zu Anfang auch der festen Überzeugung, dass sie fälschlicherweise zwischen all den zukünftigen Straffälligen gelandet ist. Nichtsdestotrotz dauert es nicht lange, bis sie selbst markiert wird. Als Leser kann man beobachten, wie Davy und ihre neuen Freunde immer wieder in ihre Rolle gezwängt werden, egal ob sie zwickt und gar nicht passt, und wie sie sich dabei unwohl fühlen und in ihrer eigenen Überzeugung, ein guter Mensch zu sein, immer wieder aufs Neue erschüttert werden.

Infernale beginnt sehr langsam und beschäftigt sich über lange Zeit mit Davys Selbstzweifeln und ihrem Kampf, sich von ihrem alten Leben zu lösen und sich im neuen zurechtzufinden. Ihr Umfeld reagiert – mit Ausnahme ihres Bruders – durchweg negativ bis dahin, dass man als Leser völlig entsetzt ist. Menschen, die sie für ihre Freunde gehalten hat, fallen ihr in den Rücken und halten sie sogar für Freiwild, an dem man sich vergehen kann und das dafür auch noch dankbar sein sollte. Und nicht nur die – plötzlich hat Davy als Mensch keinen Wert mehr. Auch mit der Beziehung zwischen Sean und Davy lässt sich die Autorin Zeit – so viel Zeit, dass ich nach jeder verschwendeten Kussgelegenheit das Buch kurz zur Seite legen musste, um frustriert mit den Figuren zu stöhnen. Aber irgendwie gibt es auch nichts besseres, als eine sich schleichend entwickelnde Beziehung, bei der man auf den ersten Kuss lauert – das ist tausendmal lieber als die ominöse Liebe auf den ersten Blick.

Dass sich das Buch anschließend einer der momentan so beliebten Ausbildung-um-Leben-und-Tod-Richtungen einnimmt, bringt dann noch Schwung in die Sache. So ist das Setting und Drumherum nicht neu – Divergent, Red Rising und Co lassen grüßen –, aber spannender und rasanter als der Rest des Buches. Dieser Teil hätte ruhig noch mehr Platz einnehmen können.

FazitEin interessantes Gedankenexperiment, das erst gegen Ende hin in die Actionschiene rutscht.

|Rezension| Pierce Brown „Red Rising“

|Rezension| Pierce Brown „Red Rising“

redrising

Heyne fliegt * 14.09.2015 * OT: Red Rising (#1) * ISBN 978-3-453-53441-4

TB 12,99 € * eBook 9,99 € * Leseprobe

Klappentext

Darrows Welt ist brutal und dunkel. Wie alle Roten schuftet er in den Minen des Mars, um ein Leben auf der Oberfläche des Planeten möglich zu machen. Doch dann wird seine große Liebe getötet, und Darrow erfährt ein schreckliches Geheimnis: Der Mars ist längst erschlossen, und die Oberschicht, die Goldenen, leben in dekadentem Luxus. Darrow schleust sich in ihr sagenumwobenes Institut ein, in dem die Elite herangezogen wird. Er will einer von ihnen werden – um sie dann vernichtend zu schlagen …Meinung

Mein erster Gedanke zu Red Rising? „Bei diesem Buch kannst du auf keinen Fall essen.“ Red Rising ist derbe in jeder Hinsicht – hier wird sich in keinster Weise zurückgehalten mit ekligen Lebensumständen oder Grausamkeiten. Und das fand ich gut! Das ist keine weichgespülte Dystopie, in der sogar noch die schlimmsten Lebensumstände romantisiert werden. Es ist dreckig, anstrengend, dunkel unter der Marsoberfläche. Und es stinkt. Und drüber übrigens auch. Hier wird nicht an Brutalität und Leichen gespart, sondern gezeigt, was passiert, wenn man eine Menge machthungriger Teenager zusammen steckt und ihnen freien Lauf lässt oder sie gar aus politischen Gründen in ihrer Grausamkeit noch unterstützt.

Weil die Lebensumstände eben so sind wie sie sind, werden die Roten auch nicht alt und müssen mit 13 schon erwachsen sein. Das sind sie aber nicht. Dieser Zwiespalt hat mich zu Beginn gestört. Darrow war so bockig, besserwisserisch und naseweis, wie es Teenager eben sind. Auch wenn er nun schon verheiratet ist und Verantwortung für seine Familie übernimmt und dazu noch eine traumatisierende Vergangenheit hat, ist er doch nicht so erwachsen, wie es Protagonisten in ähnlich gelagerten Büchern sind, selbst wenn er sich dafür hält. Aber wäre er das wirklich gewesen, hätte er sich nicht in die Lage manövrieren lassen, sich unter die Goldenen zu mischen. Denn das ist bei Weitem nicht seine eigene Entscheidung, sondern er lässt sich von allen – immer mit seinem toten Vater und seiner toten Frau als Joker – manipulieren und einreden, dass er das tun möchte oder muss. Und er hätte über Entscheidungen, die er in der Ausbildung getroffen hat, vielleicht länger und tiefer nachgedacht. Darrow lernt nach dem Motto Trial and Error. Sein jugendlicher Hochmut und seine Emotionsgeladenheit sind am Schluss sein Erfolgsrezept, weil er sich unter den Goldenen zwischen Gleichgestrickten befindet, die aber zusätzlich dazu ihr Leben lang verhätschelt wurden, im Gegensatz zu ihm.

Das Erzähltempo war ganz schön happig – alles geht zackzack und manchmal, wenn ich etwas geistesabwesend gelesen habe, musste ich zurückblättern, weil ich irgendeine wichtige Wendung verpasst habe. Das war einerseits ganz nett, weil eben nicht öde, andererseits fiel es mir so unheimlich schwer, mich mit den Figuren zu verbinden, weil auf deren großartige Entwicklung kein besonderer Wert gelegt wird. Wieso mag Darrow den einen und den anderen nicht – das konnte ich oft nicht nachvollziehen. Die waren ja sowieso nur kurz mal Teil der Handlung. Auch hatte ich die ersten 50 Seiten eigentlich herzlich wenig Ahnung, was überhaupt abging – Welteneinführung? Achnö, lass mal. Lass mal lieber ganz viele Begriffe ausdenken und für die Begriffe dann noch Spitznamen und dann zusehen, wie der Leser blind darin herumstolpert. Tatsächlich packten mich Story und Figuren erst, als Darrow seine Ausbildung beginnt und plötzlich vergaß ich so oft wie die Figuren selbst, dass sie sich in einer simulierten Situation befinden und nicht in einem wahren Krieg. Ich wollte das Buch gar nicht mehr zur Seite legen, so gefesselt war ich von allem, was ihm und seinen neugefundenen Freunden zustieß. Und ja, ich habe um die eine oder andere Figur getrauert, weil sie mir dann doch ans Herz gewachsen war. Nicht jede Wendung war so undurchsichtig, wie sie geplant war, aber das kann ich verzeihen – Red Rising war einfach unheimlich packend.

Insgesamt sah ich schon einige Parallelen zu bekannten Dystopien wie Battle Royale, The Hunger Games oder Enders Game und vielleicht mochte ich das Buch letztendlich deswegen auch so gerne, weil es auf den einfachen Schienen Spannung und Entsetzen fährt, die einen an die Story fesseln, aber auf ganz neue Weise.

FazitBrutal – brutale Umstände, brutal in die Welt geworfen, brutal begeistert worden.

|Rezension| Lou Timisono „Centum Night“

|Rezension| Lou Timisono „Centum Night“

centum

Balladine Publishing * 21.05.2014 * ISBN 978-3945035177

TB 16,95 € * eBook 9,99 €

Klappentext

Mehr und mehr Länder schließen sich der Coastal Alliance an. Der Beitritt eines Landes verhilft der dortigen Elite zu einem Luxusrefugium, während die verarmte Bevölkerung in einer vom Verbrechen beherrschten Crime Zone leben muss.§Zwischen diesen Territorien befindet sich eine Hochsicherheitszone, deren Bewohner in monotoner Bedürfnislosigkeit gehalten werden. Wünsche nach emotionaler Nähe und sexuelles Verlangen werden auf hohem technologischen Niveau kontrolliert abgebaut. Hier, in Solocity, gibt es keine Gewalt.§Da geschieht das Undenkbare. In Solocity beginnt eine rätselhafte Mordserie. Agent Eddie Bellefleur erhält bei seinen Ermittlungen Hinweise auf ein weitgespanntes Netz aus Verrat und verborgenen Leidenschaften, das bis in die Spitze des Regimes reicht.Meinung

Mit Centum Night hatte ich einen schweren Start – nach einem heftigen ersten Kapitel war ich erst einmal komplett überfordert mit den ganzen neuen Begriffen, von denen nur die Hälfte zu Beginn erklärt wurde, und der Überzahl an verschiedenen Charakteren, die auch noch Spitznamen verpasst bekommen haben oder sonstwie umschrieben wurden. Und weil das noch nicht kompliziert genug war, gab es auch noch ungekennzeichnete Zeitsprünge in die Vergangenheit. Ich hatte wirklich null Ahnung, was gerade abging. Ich hätte nicht mal sagen können, wer denn nun jetzt die Hauptfigur ist.

Vom Anfang sollte man sich wirklich nicht abschrecken lassen. Nach und nach wird klarer, wie die Welt in Centum Night abläuft. Europa ist vor die Hunde gegangen und die Frage lautet nur: Wer sind diesmal die Mächtigen, die das Zepter in die Hand nehmen. Denn das, was aus Europa entstanden ist, funktioniert nicht besser. Entweder man lebt zwischen Kriminellen als Bonnie, was einen dazu zwingt, selbst auf die schiefe Bahn zu geraten. Oder man lebt als Solo und ist gefälligst regelhörig und emotionslos. Den Jackpot hat man, wenn man ein Younax ist, denn dann lebt man in Luxus und Sicherheit. Zumindest ist das der Plan. Dass das aber nicht lange gut geht und dass gleichzeitig Machthunger und Neid das System zu Fall bringen, ist vorprogrammiert.

Die Erzählart ist etwas derbe, das muss man schon mögen, um das Buch bis zum Ende durchzulesen. Auch fand ich den Weltenaufbau wirklich extrem männermachtlastig für meinen Geschmack, als wäre es auch in Zukunft undenkbar, dass Frauen einmal mehr zu sagen haben könnten. Google wird unter anderem dein bester Freund, wenn du wirklich verstehen möchtest, wovon gesprochen wird. Und die vielen Protagonisten muss man schon sortieren können, um wirklich durchzusteigen, und ziemlich wenige davon waren mir persönlich sympathisch. Ein luftigleichtes Lesevergnügen hatte ich ja nie erwartet, aber das Buch zu lesen war ehrlich gesagt manchmal echt harte Arbeit.

FazitFür jemanden, der es derbe mag und es liebt, sich in komplizierte, aber gut durchdachte Welten einzuarbeiten, sicher ein tolles Lesevergnügen.