|Empfehlung| Mackenzi Lee „Cavaliersreise“

|Empfehlung| Mackenzi Lee „Cavaliersreise“

cavaliersreise

Cavaliersreise, die: Bezeichnung für eine seit der Renaissance obligatorische Reise der Söhne des europäischen Adels, später auch des gehobenen Bürgertums, durch Mitteleuropa, Italien, Spanien und auch ins Heilige Land.

Wir befinden uns in den 1720ern – einem denkbar ungünstigen Zeitalter für Henry Montague, genannt Monty. Denn nicht nur hat er keine Lust, das Erbe seines gewalttätigen Vaters anzutreten, sondern ist er auch noch unsterblich in seinen besten Freund Percy verliebt, der seinerseits keinen Platz in der Gesellschaft findet, da er dunkelhäutig ist und unter einer Krankheit leidet, von der man sich erzählt, sie wäre eine göttliche Strafe. Auch Henrys Schwester Felicity fühlt sich wenig aufgehoben in ihrer Welt – das überaus kluge Mädchen soll anstatt Medizin zu studieren an einer Mädchenschule Sticken und Ettiquette lernen. So treten die drei ihre Cavaliersreise als letztes Aufatmen vor einem scheinbar unabänderlichen Schicksal an.

Zu Beginn war es schwer, in die Geschichte einzutauchen, denn die Autorin bemüht sich darum, dass ihre Figuren sich passend zum 18 Jahrhundert ausdrücken – Scharmützel, Nachtgewänder und vermaledeite Dinge, wohin man liest. Es dauert etwas, bis man sich an diesen Schreibstil gewöhnt.

Ich weiß, dass ich damit Gefahr liefe, zu weit zu gehen. Doch für derlei Subtilitäten dünkt mich das Leben zu kurz. Den Vorwitzigen lacht das Glück.

Hat man das erst einmal geschafft und sich durch ein paar Seiten eher langatmiger Reisebeschreibungen gekämpft, landet man in Versailles und die Geschehnisse beginnen, Fahrt aufzunehmen. Was aber vor allem Fahrt aufnimmt, ist das Mitgefühl und die Sympathie für alle drei Protagonisten. Vor allem Henry, der kein durchweg liebenswerter Charakter ist, wächst einem doch ans Herz. Denn zwischen all dem Trotz, Egoismus und der Sucht nach Überfluss, mit denen er sich selbst immer wieder im Weg steht, blitzt ein verletzter Junge durch, der sich nie gegen die Schläge seines Vaters wehren konnte und der sich sicher ist, nie im Leben glücklich zu werden, weil er nie zu seiner Bisexualität stehen kann. Percys Gefühl, nirgends wirklich dazuzugehören, ist heute aktueller denn je – in einer multikulturellen und -ethnischen Gesellschaft, in der Ängste neu geschürt werden oder nie überwunden wurden. Auch  Felicitys Kampf um Selbstbestimmung und darum, als mehr gesehen zu werden als das kleine Frauchen, das nur hübsch an der Seite ihres Mannes aussieht, schließt an aktuelle Diskussionen an. „Cavaliersreise“ macht deutlich, dass wir heute vielleicht doch nicht so weit sind, wie wir das gerne wären.

Wie seltsam, sterben zu wollen. Und wie seltsam, wenn man zudem noch glaubt, man habe so einen simplen Ausweg nicht verdient.

Die Wendung, die das Buch nimmt, hatte ich persönlich nicht so erwartet. Aus der Cavaliers- wird eine Abenteuerreise, in der die drei Hauptfiguren überfallen werden, im Gefängnis landen oder in den Händen von Piraten und am Ende wird es sogar noch mystisch. Und zwischendrin immer auch ein wenig romantisch, ohne dass diese Liebesgeschichte zwischen Monty und Percy zu viel Raum in der Geschichte einnimmt.

Es ist erstaunlich, wie viel Mut es braucht, selbst wenn man so gut wie sicher ist, dass auch der andere es will. Immer stutzen einem Zweifel die Flügel.

Zum besseren Verständnis gibt es am Ende des Buches noch einen Anhang, der die Themen Cavaliersreise, Politik, Epilepsie und queere Kultur zu Zeiten des Buches erklärt.

Letztendlich erklärt Henry selbst am besten am Ende, was den Leser erwartet:

Ich verkörpere jetzt zweifelsfrei das Schreckbild einer Cavaliersreise, das Schauermärchen, das man seinen Kindern auf den Weg gibt, bevor man sie in die Welt entlässt. […] Käme ich nach Hause, Ihr hättet wohl Mühe, mich wiederzuerkennen. […] Von nun an nehme ich mir vor, es gut zu haben. Leicht wird mein Leben nicht sein, aber gut.

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496 Seiten * ISBN: 978-3-551-56038-4 * 19,99 € * OT: The Gentleman’s Guide to Vice and Virtue

Gab es je ein abschreckenderes Beispiel für junge Bildungsreisende als Sir Henry Montague? Nach Montys Cavaliersreise wird der englische Adel seine Sprösslinge bestimmt nie wieder auf den Kontinent schicken! Irgendwie ist Monty immer in eine Tändelei verwickelt oder betrunken oder zur falschen Zeit am falschen Ort nackt (in Versailles! Am Hof des Königs!). Zwischen Paris und Marseille verlieren Monty, Percy und Felicity auch noch ihren Hofmeister, kämpfen gegen Wegelagerer und Piraten, gegeneinander (Monty und Felicity) oder gegen ihre Gefühle füreinander (Monty und Percy). Aber am Ende dieser abenteuerlichen Reise finden sie alle drei nicht nur zueinander, sondern auch zu sich selbst. [carlsen.de]

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|Empfehlung| Becky Albertalli „Nur drei Worte“

|Empfehlung| Becky Albertalli „Nur drei Worte“

nur drei Worte 1

„Ich bin schwul.“ Diese drei Worte hat Simon noch nie laut ausgesprochen, sondern nur geschrieben – und zwar dem ihm unbekannten Blue, dem er anonym Mails schreibt, der ebenfalls schwul ist – und der an seine Schule geht. Nur drei Worte – in diesem Buch geht es manchmal federleicht, manchmal sehr ernst darum, zu sich selbst zu stehen und auch darum, jemanden zu finden, der dich genauso liebt.

Ich würde sagen, es ging um Einsamkeit. Komisch eigentlich, ich fühle mich gar nicht einsam, aber es klang so vertraut, wie Blue den Zustand beschrieb. So als hätte er mir die Gedanken aus dem Kopf gezogen.

Wie man manchmal die Gesten eines Menschen auswendig weiß, aber nie seine Gedanken kennt. Und das Gefühl, dass Menschen wie Häuser mit riesengroßen Zimmern und winzigen Fenstern sind.

Gemeinsam mit Simon kann man den Alltag an einer Highschool in einem konservativen Bundesstaat erleben und wie es ist, zwar nicht mit seiner Sexualität zu hadern, aber mit dem Gedanken, für die anderen plötzlich nicht mehr derselbe zu sein. Am liebsten wäre es Simon nämlich, wenn man um sein Outing keinen großen Wind machen würde. Vielleicht geht es auch etwas darum, wie falsch es ist, dass unsere Sexualität einen so großen Teil unserer Identität ausmachen soll. Warum kann er nicht derselbe Simon wie immer sein, nur eben offen schwul?

Wieso ist hetero die Normalität? Jeder sollte sich einfach in die eine oder andere Richtung erklären müssen, und es sollte für jeden eine so große, peinliche Sache sein, ob du nun hetero, schwul, bi oder sonst was bist.

Dabei fand ich, auch wenn Nur drei Worte einen recht typischen Grundklang hat, der an John Green, David Levithan und Co erinnert, dass Simon doch so erfrischend normaler Teenager war und nicht wandelndes Klischee. Weder ist er ein nerdiger Einzelgänger, wenn auch ein Nerd, noch führt er persönlichen Krieg gegen irgendwelche anderen Schülergruppen an seiner Schule. Simon mag eigentlich jeden und jeder, der ihn kennt, mag Simon. Und bis auf sein ausstehendes Outing hat er auch ein recht normales Teenagerleben, in dem er gute Freunde hat, Eltern, die ihn nerven und nicht alles richtig, aber auch nicht alles falsch machen, und romantische Ideen von der ersten großen Liebe.

Aber auch die anderen Protagonisten – bis auf Nick, den ich recht flach fand – waren sympathisch und greifbar. Wie Simon selbst bekommt man erst nach und nach einen Blick dafür, wie es ihnen geht und welchen Wert sie für ihn haben, denn anfangs ist Simon sehr mit sich und Blue beschäftigt und tritt damit seinen Freunden auch ordentlich auf die Füße. Immer wieder findet sich die Erkenntnis wieder, dass man nur einen kleinen Einblick davon bekommt, was in jedem Menschen vor sich geht.

Besonders aber fiebert man mit, wie Simon herausfinden möchte, wer Blue tatsächlich ist – Schockmomente, in denen er einen Verdacht bekommt, der ihm gar nicht gefällt. Enttäuschung, wenn es doch nicht der Gedachte ist. Ungeduld, wenn Blue ihn immer vertröstet. Kleine Herzhüpfer, wenn es doch wieder Hoffnung gibt, und das große Ah am Ende und das warme Gefühl frischer Verliebtheit, als beide sich endlich kennenlernen.

„Das will ich“, sage ich. Mein Freund […] Und ich kann einfach nicht mehr aufhören zu lächeln. Es gibt so Momente, da macht es mehr Mühe, nicht zu lächeln.

Leider hatte ich das Gefühl, dass manches durch die Übersetzung verloren gegangen ist. Besonders auffällig fand ich das bei einer Diskussion, bei der Simon seine Freundin Abby „Zicke“ nennt und sich jemand anderes darüber furchtbar aufregt. Ich bin mir ziemlich sicher, im Original steht hier „Bitch“, was eine ganz andere Diskussionsgrundlage wäre.

Ich kann nicht beurteilen, ob sich nun homosexuelle Jugendliche hier richtig repräsentiert sehen, habe aber das Gefühl, dass es der Autorin doch gut gelungen ist, Simons Gefühle zu beschreiben, wenn es um die Angst geht, dass diejenigen, die man liebt, einen mit anderen Augen sehen. Auch dass Simon sich immer wieder mit blöden homophoben Sprüchen herumschlagen muss, die angeblich witzig sein sollen, oder dass er ganz allein eine Fast-Foodkette boykottiert, weil sie homophobe Gruppen unterstützen, zeigt, wie undifferenziert wir manchmal noch mit dem Thema umgehen, obwohl wir uns doch so aufgeklärt glauben. Gerade, weil diese Dinge von seinem Vater oder seinen Freunden kommen, ist es für ihn doppelt hart.

Was ich für ihn empfinde, ist wie ein Herzschlag – leise und stetig, unter allem anderen.

Nur drei Worte 2

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320 Seiten * ISBN: 978-3-551-55609-7 * 16,99 € * OT: Simon vs. the Homo Sapiens Agenda

Was Simon über Blue weiß: Er ist witzig, sehr weise, aber auch ein bisschen schüchtern. Und ganz schön verwirrend. Was Simon nicht über Blue weiß: WER er ist. Die beiden gehen auf dieselbe Schule und schon seit Monaten tauschen sie E-Mails aus, in denen sie sich die intimsten Dinge gestehen. Simon spürt, dass er sich langsam, aber sicher in Blue verliebt, doch der ist noch nicht bereit, sich mit Simon zu treffen. Dann fällt eine der E-Mails in falsche Hände – und plötzlich steht Simons Leben Kopf.

|Rezension| Kate Ling „The Loneliness of Distant Beings“

|Rezension| Kate Ling „The Loneliness of Distant Beings“

distant beings

Little, Brown Books for Young Readers * 19.05.2018  *  * Ventura Saga #1 * DT: Wir zwei in fremden Galaxien * ISBN 978-1-510-20016-6

TB 7,99 €  * eBook 5,99 € * Autorin

Klappentext

Seren’s life might be confined to a tin can hurtling through space, but she wants more. More life. More passion. And the impossible: to feel sunshine on her skin.

But then she meets Dom, and he changes everything. Suddenly her dull grey life becomes technicolour. She’s not meant to love him, but to lose him would be like losing herself. She’s determined to keep hold of what they have, no matter how dangerous …

 

Meinung

Das Schiff, auf dem die Geschichte sich abspielt, folgt einer Mission, die über 300 Jahre andauert. Die Erde erreichte ein nicht decodierbares Signal aus einer Galaxie und die Aufgabe der Besatzung soll der Erstkontakt mit denjenigen sein, die das Signal geschickt haben. Um das Funktionieren der Mission zu garantieren, ist das Leben der Übergangsgenerationen streng bestimmt. Nach ihrer schulischen Ausbildung erfüllen sie einen fünfjährigen Servicedienst, in dem sie alle Arbeitsbereiche durchlaufen, um zu sehen, wo sie am besten eingesetzt werden können. Außerdem gibt es pro Generation nur acht neue Kinder, die nach ihrem Schulabschluss miteinander als Lebenspartner kombiniert werden. Deren Kinder entstehen wiederum durch künstliche Befruchtung. So soll garantiert werden, dass nur gesunde Kinder geboren werden, obwohl während der Mission neue Krankheiten aufgetaucht sind. Neue Musik ist verboten, nur die alte Musik von der Erde soll erhalten bleiben, und Filme sind darauf ausgelegt, das Leben auf dem Raumschiff schmackhaft zu machen. Das alles sind Aspekte, die man aus vergleichbaren Dystopien oder Science Fiction-Reihen wie Godspeed schon kennt, die aber eine Logik in sich tragen, dass das nicht so ins Gewicht fällt.

Zu Beginn fühlt sich Seren mit ihrem Schicksal auf dem Raumschiff sehr allein. Sowohl ihr Vater als auch ihre Schwester scheinen völlig zufrieden damit, dass ihr Leben fremdbestimmt ist, und ihr Großvater besetzt eine hohe Position auf dem Schiff. Ihre Frustration gipfelte in einem Nervenzusammenbruch, bei dem sie versuchte, sich mit bloßen Händen durch die Metallwände zu graben. Tatsächlich sind Serens Gefühle größtenteils sehr nachvollziehbar beschrieben und man fragt sich als Leser, wieso nur Seren so deutlich sieht, was auf dem Schiff schief läuft. Aber nach und nach zeigt sich, dass sogar sehr viele junge Bewohner des Schiffes mit ihrem Schicksal hadern, was Seren bestärkt und ihr – zusammen mit ihrer geheimen Beziehung – mehr Kraft und Selbstsicherheit verleiht. Davon abgesehen, dass sich Seren und Domingo viel zu schnell verlieben – nämlich innerhalb weniger Stunden – beschreibt sie auch ihre Begegnungen immer in den schönsten Farben und man versteht vollkommen, wieso die beiden wie geschaffen füreinander zu sein scheinen. Etwas unverständlich ist, dass beide für lange Zeit nicht konfrontiert werden, obwohl sie weder besonders vorsichtig sind und sich oft öffentlich und eindeutig einander zugewandt treffen, noch vor Freunden oder Verwandten leugnen, dass etwas zwischen ihren vorgeht.

Auch die anderen Charaktere sind vielschichtiger, als es auf den ersten Blick scheint. Domingo hat eine dunkle Vergangenheit, in der er aus familiärer Verbundenheit gewalttätig geworden ist. Und Ezra, dem Seren als Lebenspartnerin zugeteilt wurde, ist nicht der miese selbstverliebte Egoist, der er zuerst zu sein scheint, und man fühlt sogar mit ihm, als er sich Hoffnung macht, dass seine arrangierte Ehe doch funktionieren kann und dann merken muss, dass sie nicht zu retten ist. Dennoch hält die Autorin eine Hintertür zu einer möglichen Dreiecksgeschichte offen, denn Ezra liebt Seren offensichtlich und sie selbst muss auch zugeben, dass er ihr nicht völlig egal ist.

Die Geschichte schreitet schnell voran und es geschieht in kurzer Zeit so viel, dass man sich nicht durch Längen kämpfen muss, man aber dennoch ruhige Momente mit den Protagonisten erlebt, die von ihrer Emotionalität leben. Das Ende könnte so offen gelassen werden, es besitzt keinen Cliffhanger.

 

Fazit

The Loneliness of Distant Beings ist ein packender Serienstart, der auch gut für sich alleine stehen könnte. Die Protagonisten sind gut ausgearbeitet und sympathisch und die Geschichte schreitet rasch und spannend voran, ohne emotionale Momente außer Acht zu lassen.

|Rezension| S. J. Kincaid „Diabolic“

|Rezension| S. J. Kincaid „Diabolic“

diabolic

Arena * 03.01.2017  *  OT: The Diabolic * ISBN 978-3-401-60259-2

HC 18,99 €  * eBook 15,99 € * Autorin

Klappentext

Eine Diabolic ist stark.

Eine Diabolic kennt kein Mitleid.

Eine Diabolic hat eine einzige Aufgabe: Töte, um den einen Menschen zu schützen, für den du erschaffen wurdest.

Als Nemesis und Tyrus sich am Imperialen Kaiserhof begegnen, prallen Welten aufeinander. Sie – eine Diabolic, die tödlichste Waffe des gesamten Universums. Liebe ist ihr völlig fremd. Er – der Thronfolger des Imperiums, der von allen für wahnsinnig gehalten wird. Liebe ist etwas, das ihn nur schwächen würde. Dass ausgerechnet diese beiden zusammenfinden, darf nicht sein. Denn an einem Ort voller Intrigen und Machtspiele ist ein Funke Menschlichkeit eine gefährliche Schwachstelle …

Meinung

Diabolic spielt mit einer für mich sehr interessanten Idee: Kann man Gefühle wirklich genetisch einfach entfernen oder sind sie Teil unseres Seins? Nemesis ist kein normaler Mensch, sondern wurde in einem Labor gezüchtet, um an reiche Familien als emotionsloser und körperlich überlegener Bodyguard verkauft zu werden. Dabei werden ihre Gehirnregionen so verändert dass sie sich nur auf eine einzelne Person prägen, die sie mit ihrem Leben schützen, ansonsten aber keine Gefühle besitzen, obwohl sie hochintelligent sind. Der Leser sieht sich als mit einer Protagonistin konfrontiert, für die menschliche Emotionen fern von Angst und Wut erst einmal fremd sind und die einen durchweg sachlichen Blick auf die Welt hat und nur aus dem Grund handelt, Sidonia zu schützen, wobei sie auch nicht vor Mord zurückschreckt. Für den Charakter selbst ergibt sich die Chance, zu entdecken, dass mehr Menschlichkeit in ihr steckt, je weiter die Geschichte voranschreitet, bis zu dem Punkt, wo sie Liebe empfinden kann. Ihr gegenüber stehen erst Sidonia und Tyrus, die beide den Glauben an mehr in Nemesis vehement vertreten und diesen auch aus ihr herauskitzeln. Tyrus selbst ist vom Charakteraufbau zwar kein außergewöhnlicher Charakter, sondern entspricht dem gewohnten Typ gutaussehender Rebell, seine Vorgeschichte, in der er sich als völlig verrückter Thronerbe gebärdet, war, wenn auch durchschaubar, sehr amüsant.

Die Beziehung zwischen Nemesis und Tyrus entwickelt sich erst langsam ab der Hälfte des Buches und ist ein stetes Auf und Ab der Gefühle, bei dem es die Autorin schafft, dass der Leser selbst irgendwann an Tyrus Absichten zweifelt.

Die Welt, in der die Geschichte spielt, ist ebenfalls nicht wirklich ganz neu – eine Gruppe weniger Mächtiger herrschen über eine große Menge von ihnen abhängiger Personen, allen voran steht ein bösartiger Machthaber. Dieses Prinzip hat in den letzten Jahren immer gut funktioniert und weitet sich hier einfach auf das gesamte Universum aus, in dem die Mächtigen vom Weltall aus über Planeten herrschen, die zum Teil gar nicht ideal zu bewohnen und damit abhängig von den Ressourcen der Herrscher sind. Dieser Weltaufbau entwickelte sich aus unserer bekannten Welt, indem die Menschen mit Technologie das Weltall komplett für sich erschlossen und deswegen die Erde verlassen haben. Dies schlägt sich in ihrem Glauben nieder – sie verehren Helios, die Sonne, die das Leben auf der Erde möglich gemacht hatte. Immer wieder wird diese Entwicklung als versteckter erhobener Zeigefinger genutzt, dass man sich nicht nur auf Technik verlassen sollte, ohne sie richtig zu verstehen, da die falsche Verwendung und die Unfähigkeit, kaputte Maschinen zu reparieren eine Art menschlich geschaffene schwarze Löcher verursacht hat, die die Menschen bedrohen.

Schon im ersten Kapitel wird deutlich, dass hier nicht an Brutalität gespart wird. Sowohl Nemesis als auch Tyrus sind nicht zimperlich, wenn es um Mord geht, um ihre Ziele zu erreichen. Es gibt mehrere Kampfszenen, die man verfolgen kann, und unzählige Tote auf Tyrus Weg zum Imperator. Ebenso – aber auf eher moralisierende Weise – wird mit den Themen Drogen und Schönheitskult umgegangen. Zum einen ist es in der höheren Gesellschaft normal, sich mit allen möglichen Substanzen  gemeinsam zu vergnügen. Auch ist es den Menschen durch ihre Technologie möglich, ihr Aussehen komplett zu verändern wie es ihnen beliebt, und das innerhalb kürzester Zeitabstände und wenn gewünscht auch nur für ein bestimmtes Ereignis. Genmanipulation ist an der Tagesordnung. So sind alle Angestellten ebenfalls wie Nemesis laborgezüchtete Menschen, denen jegliche Meinungsfreiheit weggenommen wurde. Sogar Menschen, die nur einem Opferritual dienen, werden bereitwillig gezüchtet und verkauft, da man der Ansicht ist, dass Menschen aus dem Labor keine Seele besitzen.

Ein wenig schade finde ich ja, dass der Verlag zu dem Untertitel „Vom Zorn geküsst“ gegriffen hat. In meinen Augen steht in Diabolic zwar das Thema Gefühle, nicht aber das Thema Liebe im Vordergrund, was in einer Masse an Jugendbüchern mit romantischen Plots eine erfrischende Ausnahme darstellt. Ich glaube, hier werden von vornherein die Leser abgeschreckt, die die Nase voll haben von Dystopien, die sich plötzlich nur noch um die Beziehung der Protagonisten drehen.

Fazit

Ein sehr interessanter Titel mit neuartiger Idee in einem altbekannten Grundsetting. Die Protagonisten sind sehr entwicklungsfähig und undurchschaubar, die Geschichte actionreich erzählt, wenn auch nicht zimperlich mit Themen wie Mord und Drogen umgegangen wird.

|Rezension| Sarvenaz Tash „Die (beinahe) größte Liebesgeschichte des Universums“

|Rezension| Sarvenaz Tash „Die (beinahe) größte Liebesgeschichte des Universums“

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Magellan * 25.07.2016  *  OT: The Geek’s Guide to Unrequited Love * ISBN 978-3-7348-5027-1

HC 16,95 €  * Autorin  * Leseprobe

Klappentext

Immer an seiner Seite und doch so unerreichbar wie ein ferner Planet – das ist seine beste Freundin Roxy für Graham. Seit Monaten sucht er einen Weg, ihr seine grenzenlose, epische, unsterbliche Liebe zu gestehen. Bei ihrem gemeinsamen Wochenende auf der New Yorker Comic-Convention will er seine Chance endlich nutzen. Leider kommen ihm immer wieder ein gut aussehender Engländer, seine Schüchternheit und die geheimen Liebesgesetze des Universums in die Quere …

Meinung

Im ersten Moment – mit diesem so viel gehypten Buch in der Hand – dachte ich: Oh Gott, das wird das Big Bang Theory unter den Nerdbüchern. Und das meinte ich nicht als Kompliment. Aber ach, wie Unrecht ich hatte. Es war so ganz und gar nicht wie TBBT und der Hype völlig gerechtfertigt.

Natürlich sagt der Titel schon einiges aus: man trifft auf den Nerd Graham, der in seine beste Freundin Roxy verliebt ist, die nicht nur seine Schreibpartnerin für den gemeinsamen Comic ist, sondern auch noch das Mädchen seiner Träume. Graham hat den besten Nerdfreund Casey, der zwar oberflächlich ein Auge auf Grahams unerreichbare Stiefschwester geworfen hat, obwohl da auch noch die gleichzeitig gutaussehende sowie kluge Felicia ist. Eigetlich gibt es in diesem Buch sowieso keine Figur, die kein Nerd ist, und ein wenig Klischee sind sie alle, aber so fassbar echtes Klischee eben. Und dennoch verzichtet man hier auf so viel – auf den abgefahrenen Comicautor mit Gottkomplex, auf die böse Stiefmutter, auf sexistische Witze, auf unrealistisches Glück im Unglück.

Vielleicht lag es daran, dass ich das Buch parallel zur Frankfurter Buchmesse gelesen habe, also einer Veranstaltung, die meinem Buchnerdhimmel nahe kommt – ich konnte die Begeisterung für die Comic Con, das Hetzen von Termin zu Termin, die Bewunderung für seine Idole, die man treffen kann, so gut nachvollziehen, weil es mir zum selben Zeitpunkt exakt genauso ging. Und die Nerds, die man hier trifft, sind nicht die der ekelhaft nöhligen Sorte – sie lieben, was sie lieben, mit Haut und Haaren und verschwenden ihre Zeit nicht damit, sich an Kleinigkeiten festzubeißen, die ihnen nicht in den Kram passen.

Und so ist es auch mit dem Verlauf der Geschichte: Graham liebt Roxanne, als beste Freundin und als Mädchen an sich. Dabei verliert er sich in den romantischen Vorstellungen, die er aus den Comics und Filmen kennt, die er liebt – so und nicht anders muss er Roxy seine Liebe gestehen, sonst ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Gefühle erwidert, in seiner Vorstellung gleich Null. Innerhalb der Tage auf der Comic Con muss er aber so einiges erkennen – dass es sein kann, dass Roxy andere Männer vielleicht viel attraktiver findet, dass direkte Ehrlichkeit ihm in den meisten Fällen viel mehr gebracht hätte als das, was er dann tatsächlich tut, dass Freundschaft das wertvollste Gut ist und dass sein kleiner Kreis an Freunden vielleicht nicht der einzige Ort ist, an dem man nach Frauen suchen könnte.

Die beinahe größte Liebesgeschichte der Welt hat somit auch kein Klischeeende – und damit das beste Ende, das ich mir nur wünschen konnte.

Fazit

Dieses Buch verdient den Hype um sich voll und ganz – man trifft auf Charaktere, die das lieben, was sie tun und sind, und auf eine Storyline, die ganz anders ist, als man es im ersten Moment erwarten würde. Am Ende geht es mehr um Selbstliebe und Begeisterung als um eine große Liebesgeschichte – und das ist verdammt gut so.

diversity inside

|Rezension| Katrin Zipse „Antonia rettet die Welt – Papageienparty“

|Rezension| Katrin Zipse „Antonia rettet die Welt – Papageienparty“

antonia

Magellan * 25.07.2016  *  ISBN 978-3-7348-5016-5

HC 14,95 €  * Autorin  * Leseprobe

Klappentext

Antonia kann es nicht fassen: Ihre Mutter will sie für ein halbes Jahr (also praktisch ewig) nach Ungarn verschleppen! Das geht gar nicht! Toni kann unmöglich ihre beste Freundin Paulina mit ihren Monsterzwillingsbrüdern alleinlassen. Außerdem muss sie auf Mr Bond aufpassen, den Hund ihres Nachbarn. Gerade erst hat sie in letzter Sekunde verhindert, dass er entführt wird. Was, wenn da dieselben Leute dahinterstecken, die dreizehn Papageien aus dem Zoo gestohlen haben? Wer soll die Tiere denn retten, wenn Toni nach Ungarn fährt? Damit ist die Sache klar: Um ihre Mutter zur Vernunft zu bringen, muss Toni der Tiermafia das Handwerk legen. Leider gerät sie dabei an ein paar ganz schön undurchsichtige Typen …

Meinung

Antonia rettet die Welt ist der erste und gleichzeitig sehr gelungene Versuch der Autorin Katrin Zipse, ein Kinderbuch zu schreiben.

Ihre Protagonistin Antonia ist eine liebenswerte Heldin auf der Schwelle zur Pubertät. 13 ist ja ein ganz schwieriges Alter, um darüber zu schreiben, denn gefühlt ist jeder und jede Dreizehnjährige irgendwie verschieden weit in der Entwicklung. Dieser Unterschied wird aber durch die Freundschaft zwischen Pauline und Antonia gut aufgefangen. Denn während Antonia fast noch etwas kindlich wirkt und ihre Aufmerksamkeit lieber der Tierrettung widmet, geht es bei Pauline um Jungs und die erste Liebe, die nur über Schwärmereien hinausgeht. Das sorgt bei beiden auch für Zündstoff, weil sie von der jeweils anderen nicht begreifen können, wie sie ihre Prioritäten setzen.

Gerade Antonias unbedarfte Art macht den Plot auch erst möglich – für sie ist gar nichts unmöglich. Alleine mit den Geschwistern zuhause bleiben, wenn die Eltern in Ungarn sind, sich um zwei kleine Rabauken im Kindergartenalter kümmern, auf eigene Faust einer Tierhändlerbande das Handwerk legen, für sie ist das alles gar kein Problem. Erst sehr spät bekommt sie Angst vor ihrer eigenen Courage, als es schon keinen Weg mehr zurück gibt.

Wie Antonia selbst kann man nur ahnen, was wirklich mit den Papageien los ist, wie ihr Nachbar Jonas in der Sache drinsteckt und wie man dem Ganzen auf die Schliche kommen kann. Sicher ist man als erwachsener Leser da auch immer einen Schritt voraus, für die Zielgruppe ist es aber die ideale Mischung aus gut gesetzten Hinweisen und vollkommenem Rätsel.

Fazit

Ein spannendes Buch mit einer liebenswerten, wenn auch naiven und chaotischen Protagonistin, einem immer wieder überraschenden Plot und der richtigen Portion Humor.

diversity inside