|Neustart| Gründe, warum…

|Neustart| Gründe, warum…

 Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust. – sprach Faust und fasst damit zusammen, wie mein letztes Jahr sich für mich angefühlt hat. Nie war ich so zerrissen, nie habe ich gefühlt so oft neu anfangen müssen und wollen. Oft habe ich hinterfragt, was ich möchte – und was nicht.

So ging es mir mit dem Bloggen auch. Ein Leben ohne ist für mich fast undenkbar, seit ich mich erinnern kann, habe ich immer meine Gedanken niedergeschrieben. Und trotzdem störte mich die Enge eines Buchblogs, die thematische Beschränkung. Ich hatte ja kaum Zeit zum Lesen zwischen Job und Selbstfindung – und damit auch wenig zu sagen.

Reasons Why ist ein Neuanfang und dennoch kein Neuanfang. Ich möchte das, was Umblättern einmal war, nicht löschen. Vieles von dem, was ich früher gemacht habe, möchte ich jetzt wieder aufgreifen. Ich möchte wohl aber auch neue Wege gehen – mit Büchern natürlich weiterhin, aber freier. Schreiben frei Schnauze eben zu dem, was mich so beschäftigt und was ich erlebe. Und das Leben besteht eben auch aus mehr als nur aus Buchstaben, sondern auch aus Tönen, aus bewegten Bildern, aus schlechten und guten Tagen, aus fernen Ländern und dem Glück, das ganz nah ist.

Auf ein Neues also!

Advertisements
|Einfach mal erzählt| Warum man nicht jedes Buch weiterempfehlen sollte

|Einfach mal erzählt| Warum man nicht jedes Buch weiterempfehlen sollte

problembucher

Die Möglichkeit zum Zugang ist nicht gleich die Möglichkeit zum Umgang

Auf Facebook gab es neulich folgende Diskussion: Eine ältere Schwester fragte, ob sie dieses eine diverse Buch erotischen Inhalts, dessen Verfilmung gerade angelaufen ist, ihrer dreizehnjährigen Schwester schenken solle. Diese würde es sich wünschen, sie fände die Idee aber nicht so toll. Nun sind mir bei diversen Antworten doch die Gesichtszüge entgleist. Davon abgesehen – und das lasst euch von einer Lehrerin einfach mal sagen – dass es einen gewaltigen Unterschied gibt, ob Kinder „heutzutage ja sowieso Zugang zu so etwas haben“ und wirklich mit dem umgehen können, was sie da konsumieren, finde ich es höchst problematisch, etwas mit dem Argument durchzuwinken, „man könne danach ja mit ihr darüber reden.“

Es ist ja nun auch durchaus kein Geheimnis, dass ich diese Reihe aus vielerlei Gründen als sehr problematisch ansehe, aber mir hat diese Diskussion vor allem mal wieder aufgezeigt: man kann ja Dinge echt gerne mögen, die nicht so einwandfrei sind. Was wir selbst lesen und lieben, das ist ja unsere höchstpersönliche Sache. Eine andere Sache ist es aber, diese problematischen Bücher weiterzuempfehlen, vor allem an eine so beeinflussbare Zielgruppe.

In die Falle getappt

Ich möchte das gerne an einem Beispiel festmachen, dem ich selbst auf den Leim gegangen bin. Man ist ja nicht allwissend und kann immer wieder dazulernen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele blauäugig Bücher weiterempfehlen, derer Problematik sie sich nicht einmal im Ansatz bewusst sind. Da stand ich also auch und fand „Du neben mir“ total super. Die Wendung war irgendwie vorhersehbar, ja, und ich hätte es gerne anders gehabt, aber was soll, dachte ich mir. Was mir nicht bewusst war: Für Menschen, die wirklich an dieser Krankheit leiden, ist dieses Buch wirklich schädlich, denn es trägt kein bisschen dazu bei, dass diese in der Literatur die angebrachte Beachtung bekommt. Vielmehr ist die Krankheit ein Plottwist. Warum genau das eine ganz miese Idee ist, könnt ihr hier nachlesen: The Trope of Curing Disability  und warum das genau auf dieses Buch zutrifft hier: Rezension von Disability in Kid Lit.

Eigene Lesefreude vs. Weiterempfehlung

Was mache ich jetzt mit meiner Erkenntnis? Immerhin hatte das Buch für mich auch viele positive Aspekte? Ganz einfach: Ich freue mich darüber, dass es mir trotzdem gefallen hat, aber ich werde einen Teufel tun und es anderen Leuten in die Hand drücken, damit sie es auch lesen. Nein, nicht einmal mit dem Hinweis: Aber pass auf, das ist irgendwie nicht okay, wie sie das gemacht haben. Nicht mit dem Satz: Aber lass uns hinterher mal darüber sprechen. Ich lasse es einfach. Punkt, aus. Und vor allem werde ich einen Teufel tun und die Problematik wegargumentieren. Wer bin ich zu entscheiden, ob das Buch einer Sache nicht schadet, von der ich selbst gar nicht betroffen bin?

Es geht nicht darum, jemandem Vorwürfe für das zu machen, was er liest und was ihm gefällt. Aber es geht sehr wohl darum, darauf aufmerksam zu machen, dass es nicht okay ist, Bücher weiterzuempfehlen, von denen einem bewusst ist, wie problematisch oder sogar schädlich ihr Inhalt ist. Was wir lesen, was wir kaufen und was wir weiterempfehlen beeinflusst den Buchmarkt. Und es ist an der Zeit, ein Zeichen dafür zu setzen, dass wir kritischer auf das sehen, was wir lesen – wir reden ständig von Feminismus und Diversität, von korrekter Repräsentation. Dann müssen wir aber auch dahinter stehen und den Finger in die Wunde legen anstatt darüber die Schulter zu zucken und zu sagen: Man kann ja hinterher darüber sprechen.

Für eine Weile fand ich es sehr anstrengend zu lesen, weil ich vor allem im Jugendbuchbereich (den ich ja nun hauptsächlich lese) immer wieder über Punkte stolpere, die ich problematisch finde. Ich verstehe, wenn man ein Buch einfach nur genießen möchte. Und das ist ja völlig okay, lest von mir aus, was ihr wollt, lehnt euch zurück, freut euch darüber, dass es euch mitreißt. Ohne schlechtes Gewissen.  Denn hier geht es nur um euch. Aber wenn ihr ganz genau wisst, dass der Inhalt oder ein Aspekt des Inhalts höchst problematisch ist, dann kehrt das nicht unter den Teppich, wenn ihr über das Buch sprecht. Es gibt kein Aber bei falscher Repräsentation, Rassismus, Ableismus und weiteren problematisch dargestellten Themen. Kein noch so gut geschriebener Charakter, keine noch so tolle Sprache oder ausgearbeitete Welt macht das wieder wett.

Sendepause

Sendepause

Einfach mal untertauchen, nichts schreiben, sich keinen Stress machen, dann wird das schon – das habe ich versucht. Nun ist es hier aber so lang still – so einfach komme ich dann doch nicht wieder zurück zum Blog.

Zu sagen, 2016 war „a hell of a year“ ist untertrieben. Während sich andere über den Neustart des Jahres freuen, möchte ich den Kopf auf den Tisch legen und nichts hören, sehen, sagen. Ich kann nicht mehr und vor allem kann ich dabei eines nicht – bloggen. Das Gefühl von Müssen macht es da nicht besser.

Natürlich werde ich nach 9 Jahren nicht endgültig gehen. Aber ich muss Luft holen, Ordnung schaffen, Entscheidungen treffen, mich ein wenig um mein Herz kümmern. Bis hoffentlich bald, spätestens zur Buchmesse bin ich zurück. Auf Instagram und Twitter werdet ihr mich nicht los, versprochen. So ganz ohne euch leben kann ich nicht. Danke für jedes liebe Wort, die Weihnachtskarten und dass ihr da seid.

hug

|Einfach mal erzählt| Der Vielleser – das anspruchsvolle Wesen?

|Einfach mal erzählt| Der Vielleser – das anspruchsvolle Wesen?

Auf mehreren Veranstaltungen ist es mir schon aufgefallen – wir Blogger werden nicht als „der typische Leser“ angesehen. Bestimmte Kritikpunkte wie sich wiederholende Plots, eher oberflächlich beschriebene Liebesbeziehungen und Co werden damit erklärt, dass es Viellesern ja auch viel mehr auffallen würde, dass wir kritischer wären als normale Leser.

Mit einer Lesestatistik zwischen 50 und 90 Büchern im Jahr seitdem ich 6 bin – mit hormonell bedingter Frühteenagerabstinenz – ist es natürlich schwer, noch Geschichten zu finden, die ich so oder so ähnlich nicht schon einmal gelesen habe. Und es ist tatsächlich so, dass ich bei Rereads aus meiner Jugend mittlerweile eher schreiend die Flucht ergreifen würde. Ich stehe ja immer noch dazu, dass mich Twilight einst sehr begeistert und süchtig gemacht hat, würde es heute aber wohl nicht mehr mit der Beißzange anfassen. Es gibt so viel, dass ich mittlerweile nur schwer bis gar nicht mehr ertragen kann: Instantlove, erzwungene Dreiecksbeziehungen, durchschaubare Enden, miese Recherche, lieblos ausgearbeitete Charaktere. Unnatürlich lange Wimpern bei Männern, das schiefe Lächeln und das hübsche Mädchen, das sich aber selbst gaaanz dooolll blöd findet – wenn meine Augen in den Hinterkopf rollen könnten, sie würden es tun. Aber das ist wohl tatsächlich mein persönliches Problem – jemand, der wesentlich weniger liest, der hat das Gefühl dieses ewigen Deja-Vus nicht.

eyeroll.gif

Viel zu lesen hat mich aber auch dazu gebracht, kritischer auf das zu blicken, das ich lese. Diversität ist hier nur ein Stichpunkt. Korrekte Repräsentation eine anderes. Aber auch die Art, wie Beziehungen dargestellt werden oder wie das Bild von Frauen gezeichnet wird, stößt mir immer öfter sauer auf. Vielleicht liegt es auch daran, dass man mit der Zeit ja auch älter wird, aber Alter schützt ja auch nicht immer vor Dummheit. Jemand, der wenig liest, wird sich vielleicht nicht fragen, wieso eigentlich alle Protagonisten weiß sind. Wo zum Teufel die ganzen behinderten, farbigen oder Charaktere mit verschiedenen Sexualitäten oder Migrationshintergrund sind. Zumindest nicht, wenn er nicht selbst dazu zählt. Wieso manche sich wiederholende Handlungsstränge nicht romantisch sind, sondern das Gegenteil.

Der süße Typ behandelt sich wie Dreck – na klar liebt er dich, aber er ist einfach auch ein psychisch gebrochenes Wrack, das unter seiner miesen Vergangenheit leidet? Klar nimmst du das dann hin. Du leidest unter einer schweren Depression, aber dann kommt da dieser andere Mensch, in den du dich verliebst – tada, du bist geheilt. Liebe heilt nämlich alles. Und eine Vergewaltigung gehört einfach dazu, um eine richtig vollwertige persönliche Entwicklung durchmachen zu können. Übrigens bist du auch nur ein unabhängiges Mädchen, wenn du so ganz anders bist als andere.

no

Ist es nicht unsere Aufgabe, als Leser überhaupt, eine Rückmeldung darüber zu geben, was gar nicht geht? Und ist es nicht unsere Aufgabe als Vielleser, vor allem als Rezensent, darauf hinzuweisen, dass das viel zu oft verwendet wird, um noch irgendwie akzeptabel zu sein? Muss ich mich mit dem Satz „Dir als Vielleser fällt das auf, aber anderen nicht.“ immer praktisch mundtot machen lassen? Es ist doch ein Unterschied, ob ich eine Storyline doof finde, weil ich sie zu oft gelesen habe, oder ob ich sie doof finde, weil die Botschaft dahinter grenzwertigen Charakter hat.

Denn auch wenn ich nicht viel lese – ein Buch hat Einfluss auf mich. Vielleicht leide ich selbst unter einer psychischen Krankheit, vielleicht verliere ich mich selbst in dem Gedanken, dass es doch verdammt nochmal besser werden müsste, jetzt wo ich einen Partner habe. In den Büchern ist das doch auch so! Ich fühle mich mies damit, wie mein Partner mit mir umgeht, aber der Arme hat ja so eine schwere Vergangenheit? In den Büchern ist das auch akzeptabel, dann wird das schon so richtig sein und ich muss das verzeihen… Beispiele dieser Art gibt es sicher unzählige.

Ich lese viel – und dabei lese ich auch viel unüberlegten Kram, vieles, das dringend laut kritisiert werden muss. Vielleicht fällt es mir auf, weil es sich immer und immer und immer wiederholt. Aber gerade deshalb, weil es so normal zu sein scheint, gerade deshalb – und nicht trotz dessen – muss ich es ansprechen.

Was meint ihr dazu?

|Einfach mal erzählt|Wie man auch in stressigen Zeiten zum Lesen kommt!

|Einfach mal erzählt|Wie man auch in stressigen Zeiten zum Lesen kommt!

zeit zum lesen

Im letzten Monat habe ich kein einziges Buch fertig gelesen. Tatsächlich wage ich zu behaupten, dass ich gerade mal an der 100 Seiten-Marke gekratzt habe. Manchmal wächst einem der Alltag so über den Kopf, dass man tatsächlich gar nicht dazu kommt, seinem liebsten Hobby nachzugehen. Da habe ich mich gefragt, wie ich es das nächste Mal vielleicht doch schaffen könnte, mehr zu lesen, und mir einen Schlachtplan erstellt:

  1. Lies auf dem Klo!

Du hast ja gerade eh nichts Besseres zu tun. Früher habe ich auf dem Klo gelernt. Jetzt ist es doch der ideale Ort, um ein oder zwei Seiten zu lesen.

  1. Lies vor dem Schlafengehen!

Handy und Tablet sind – so sehr ich Netflix auch liebe – sowieso nicht gut für den Schlaf.

  1. Höre Hörbücher!

Beim Kochen, beim Putzen, beim Autofahren, beim Gassigehen – wenn man schon nichts Geschriebenes lesen kann, kann man doch immerhin einer Geschichte zuhören.

  1. Lies unterwegs!

Für mich ist das selten eine Option, weil ich meist mit dem Auto unterwegs bin – aber im Zug oder in der Bahn ist doch der ideale Ort, um zu lesen. Man kommt ja eh nicht weg. Ein Buch in der Tasche rettet auch durch Wartezeiten beim Arzt, an der Supermarktkasse oder bei anderen Gelegenheiten, bei denen man sich sonst langweilen würde.

  1. Entscheide dich bewusst zum Lesen!

So manche freie Minute vertue ich dann doch mit sinnlosem Kram – ins Handy zu starren zum Beispiel. Natürlich sind Instagram, Twitter, Facebook und diverse Spielchen ziemlich bequeme und wenig anstrengende Ablenkungen nach einem harten Tag, aber von dem meisten davon bleibt mir dann doch nicht so viel in Erinnerung wie es ein Buch tun würde.

  1. Nimm dir die kurzen Bücher vor!

Wenn man eh nicht viel zum Lesen kommt, dann kommen einem dicke Bücher so unendlich vor – ein frustrierendes Erlebnis. Bei Büchern mit weniger Seiten gelangt man dann doch gefühlt schneller voran.

  1. Oder stresse dich einfach nicht!

Manchmal hat man keine Zeit für Bücher, so schade es auch ist. Manchmal muss es Netflix, der Fernseher, der Kaffeeklatsch mit der Freundin oder der Sonnenuntergang ohne Ablenkung sein, um sich zu erholen. Niemand schriebt dir vor, wie viel du zu lesen hast außer dir selbst!

Was tut ihr denn, wenn ihr nur wenig Zeit übrig habt?

|Einfach mal erzählt| Warum ich als Erwachsene immer noch Young Adult-Bücher lese!

|Einfach mal erzählt| Warum ich als Erwachsene immer noch Young Adult-Bücher lese!

YA.jpg

Vor Kurzem war ich mit alten Bekannten unterwegs, darunter eine Freundin, die mit mir Germanistik studiert hatte. Als sie erwähnte, dass sie durch mich von der Panemreihe erfahren hatte und immer noch so begeistert davon war, war ich erstaunt. Aber wieso eigentlich?

Tatsächlich dachte ich immer, ich würde in meiner kleinen Buchbloggerblase leben, in der wir alle ohne darüber auch nur die Nase zu rümpfen Young Adult-Bücher lesen und toll finden und das keiner seltsam findet – es aber ein solches Guilty Pleasure ist, dass wir einen Teufel tun würden, um das vor anderen zuzugeben. Ich bin ja nun doch Ü30 – sollte ich nicht langsam erwachsen werden?

Ich habe es ja tatsächlich versucht – ich wollte wirklich etwas anderes lesen. Und manchmal hat es geklappt und statt des neuesten Buches für junge Erwachsene landete da ein Buch nur für Erwachsene im Einkaufskorb. Tatsächlich kam ich mir dann aber meistens irgendwie verloren vor mit den Protagonisten. Die hatten Teenagerkinder, Scheidungen und Midlifekrisen ohne Ende. Sie waren wie nette ältere Kollegen, mit denen man gerne zu Mittag isst und sich oberflächlich unterhält, aber mit deren Leben man sich gar nicht verbinden konnte, auch wenn man sie doch gern hat. Nun bin ich ja aber auch keine 17 mehr – aber ich war das mal. Ich habe alles das durch und auch wenn die Pubertät für mich eher Horror als Spaß war, gab es doch so viele Gefühle und erste Male, an die ich gerne zurückdenke. Das erste Mal so richtig verliebt zu sein, das Gefühl, seinen Abschluss gemacht zu haben, Freundschaften, die wie aus dem Nichts entstehen und trotzdem tief gehen, sogar der erste Liebeskummer – mit den Protagonisten in YA-Büchern erlebe ich das immer wieder aufs Neue mit.

Nun lebe ich als Lehrerin auch nicht das aufregende Jetsetleben. Um ehrlich zu sein – die meiste Zeit ist mein Leben echt öde. Arbeit hier und Arbeit da, Konferenz, Unterrichtsvorbereitung, dazwischen mal eine Stunde im Fitnesstudio. Rechnungen zahlen, alle paar Monate mal ins Kino, totmüde am Sofa herumlümmeln und manchmal nicht mal die Zeit finden, um richtig aufzuräumen. Schnarch. Ich würde dennoch nicht tauschen wollen, aber in die völlig andere Lebenswelt dieses Genre einzutauchen fühlt sich immer ein wenig an wie Erlebnisurlaub oder ein Blick in eine Alternativwelt – was wäre noch möglich gewesen?

YA2.jpg

Dabei ist es nicht so, dass Young Adult gleich oberflächliche locker-flockige Unterhaltung bedeutet. Viele Autoren schaffen es, gut recherchierte und tiefgehende Bücher zu schreiben, die den Leser noch lange verfolgen. Neben dem Paradebeispiel Maggie Stiefvater, die das vor allem mit dem Raven Cycle sehr deutlich gemacht hat, gibt es da noch Autoren wie Robin Wasserman, Katrin Zipse, Sarah Crossan und viele andere. Sie widmen sich nicht nur schockierenden, tiefgreifenden oder philosophischen Themen, sondern tun das auch noch in wunderbarer Sprache und kümmern sich um Vielfalt in der Buchlandschaft, was ethnische Herkunft, sexuelle Orientierung und psychische sowie physische Krankheiten geht.

Und überhaupt – wieso sollte ich mich dafür schämen, was ich gerne lese? Ich schade damit ja niemandem und mir schon lange nicht. Vielleicht verpasse ich so viele tolle Gespräche, nur weil ich davon ausgehe, dass ich eine Ausnahme von der Regel bin? Wie geht ihr denn damit außerhalb der Bloggerwelt um?

Zum Thema Kinderbuch hat sich übrigens Herr Booknerd erst geäußert und wer eigentlich die angepeilten Leser für YA sind, fragt sich auch Paper Fury.

|Einfach mal erzählt| Warum es nicht okay ist, das Wort Schlampe in einer Rezension zu verwenden

|Einfach mal erzählt| Warum es nicht okay ist, das Wort Schlampe in einer Rezension zu verwenden

In letzter Zeit stolpere ich gehäuft über Rezensionen oder Filmbewertungen, in denen Protagonistinnen als Schlampen bezeichnet werden oder den Spitznamen „Schlampen-„irgendwer verpasst bekommen. Und jedes Mal, wenn ich das lese, wird mir ein bisschen übler. Ich lese ja bekanntlich keine Rezensionen von Büchern, die ich noch nicht gelesen habe oder Bewertungen von Filmen oder Serien, die ich nicht kenne. Ich habe diese Figuren vor Augen, die ich persönlich manchmal nicht leiden kann oder auch echt super finde, und keine davon hat verdient, Schlampe genannt zu werden. Meistens sind es unabhängige Frauen, die sich gerne sexy kleiden und sich nicht gerade der Monogamie verschrieben haben. Aber wieso auch? Wenn sie sich damit gut fühlen, dann ist das verdammt nochmal auch okay.

35-mean-girls-gif

Slut Shaming greift Frauen für ihr sexuelles Verhalten, Gebahren oder auch Kleidungsweise an, oder redet ihnen hierfür Schamgefühle ein. (feminismus101.de)

Gründe, warum ich es nicht okay finde, Protagonistinnen als Schlampen zu bezeichnen:

  1. Weil es einfach nicht okay ist, so etwas zu sagen – sei es nun zu einem echten Menschen oder einer Protagonistin.

Sie sind ja nicht echt, das tut ihnen ja nicht weh, wirst du denken. Doch es wird immer die Leserinnen geben, viele davon noch jung und auf der Suche nach einem Vorbild, die diese Figur lieben. Vielleicht nicht für ihre Kleidungswahl oder ihr Sexualleben (vielleicht aber ja doch?), sondern für alles, wofür sie sonst steht – für die Loyalität, die sie Freunden und Familie gegenüber zeigt, für ihren Mut, ihr Selbstbewusstsein, ihre Akzeptanz ihrer Selbst, für ihre Intelligenz. Diese Figur hat so viele Aspekte, die offenbar bewundernswert sind und zum Vorbild taugen – doch das Einzige, was scheinbar zählt, ist, wie sie sich kleidet und wie ihr Liebesleben aussieht. Ihr Vorbild bekommt ein abwertendes Label – was sagt ihnen das? Und selbst wenn sie sie dafür bewundern, dass sie so selbstbewusst zu sich, ihrem Körper und ihrer Sexualität stehen: Verdammt nochmal ja, gut so!

Da kommen wir schon zu Punkt 2:

  1. Eine Figur ist immer mehr als das, was sie trägt und wen sie sich ins Bett holt.

Der Autor und die Autorin hat sich sicher etwas dabei gedacht (oder zumindest möchte man das hoffen), wie sie ihre Figur gestaltet hat. Vielleicht zieht sich die Protagonistin gar nicht so sexy an, weil sie unbedingt Hinz und Kunz dazu bringen möchte, mit ihr in die Kiste zu steigen? Vielleicht fühlt sie sich wohl in ihrem Körper, vielleicht möchte sie für sich selbst sexy sein? Und selbst wenn sie möchte, dass man sie bewundert – was daran ist so verwerflich? Tun wir das nicht auch jeden Tag, wenn wir uns herrichten, uns anziehen und überlegen, wie wir an diesem Tag auftreten – wir wollen uns wohl fühlen in unserem Körper und ein Kompliment hier und da ist doch schön. Ist es nicht gut, wenn man eine Figur hat, die man zeigen möchte; dass man ruhig auch zeigen kann, wenn man sich mal gut fühlt – fühlen wir uns doch an genug Tagen auch zum Verkriechen, weil die Haare nicht sitzen oder die Pickel sprießen oder diese kleine Rolle an der Hüfte uns mächtig stört? Und ist denn wirklich das hervorstechendste Merkmal einer Figur, was sie trägt und wie sie ihr Sexleben ausgestaltet? Möchtest du, dass das das Einzige ist, was andere über dich sagen?

  1. Warum entscheiden wir, dass es für die Figur nicht okay ist, so zu sein?

Das Wort Schlampe wird immer abwertend gebraucht. Eine Person oder Figur, die wir als Schlampe bezeichnen, hat damit unseren Respekt nicht verdient. Aber wieso? Weil wir das allgemeine Gesellschaftsbild einer „anständigen Frau“ schon so internalisiert haben, dass wir es gar nicht mehr hinterfragen (und das sollten wir, dringend)? Weil die Lebensweise oder Einstellung der Person so gar nicht teilen? Versteht mich nicht falsch, es gibt einen Unterschied dazwischen, zu sagen „Ich fand nicht gut, dass die Figur so aufreizend angezogen war.“ Oder „Ich hatte das Gefühl, dass der Autor sich nicht auf ihren Charakter, sondern nur ihr Aussehen konzentriert hat.“ oder oder oder. Ich bin mir ziemlich sicher, dass genau das damit ausgedrückt werden sollte. Aber jemandem den „Schlampenstempel“ aufzudrücken ist eine ganz andere Stufe. Es spricht weder das Verhalten der Person an, das man missbilligt, noch die mangelhafte oder verquere Darstellung durch den Autor. Auch nicht, dass es eine eigene persönliche Meinung ist, die auf eigenen Standards beruht. Sondern es wertet die ganze Figur an sich ab, mit allem Drum und Dran. Mit andere Worten: Ich kann zu jemandem sagen: „Ich fand dein Verhalten gerade unmöglich“ oder „Du bist unmöglich“ und das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.

  1. Slutshaming steht im direkten Zusammenhang mit Victimblaming

Meine lieben Mitleserinnen, seid ihr es nicht leid, dass euch immer eingeredet wird, dass alles, was ihr mit euch und eurem Körper tut, nur deswegen getan wird, weil ihr es für die Aufmerksamkeit durch Männer tut? Habt ihr nicht das Gefühl satt, das ihr habt, wenn ihr in eurem Partyoutfit abends nach Hause geht und allein seid? Dass ihr aufdringliche Kerle nicht loswerdet, weil sie davon ausgehen, dass ihr es doch darauf anlegt, angegraben zu werden, wenn ihr „so angezogen seid“ oder weil ihr „mit dem Kerl da hinten ja auch geflirtet“ habt? Dass ihr eure sexuellen Entscheidungen verteidigen müsst? Dass ihr die Menge eurer ehemaligen Geschlechtspartner herunterspielen müsst, egal ob ihr sie nun bereut oder nicht? Hat euch schon einmal jemand gesagt, dass ihr „so doch nicht rausgehen könnt“? Habt ihr im Sommer lieber geschwitzt als euch die Hotpants anzuziehen, aus Angst, was andere sagen würden? Wer von euch wurde nicht zumindest hinter vorgehaltener Hand schon einmal Schlampe genannt, wenn nicht sogar direkt ins Gesicht? Und habt ihr euch dann tatsächlich wie eine gefühlt? Herzlich Willkommen in einer Gesellschaft, in der es so normal geworden ist, das Wort Schlampe zu benutzen, um eine Frau zu beschreiben, dass es uns mittlerweile ohne Nachdenken herausrutscht. In einer Gesellschaft, in der vermittelt wird, dass wir mit unserem Körper und allem, was mir damit tun, Botschaften an Männer senden, die dann – Gott bewahre deren schwachen Willen – gar nicht anders können, als (Hier kann man wahllos „glotzen, pfeifen, grabschen“ und Schlimmeres einsetzen). Und das wollt ihr unterstützen?

 called-a-slut-mean-girls-gif

Protagonisten in Büchern, Filmen und Serien sind in unseren Köpfen und Herzen lebendig. Wir fiebern mit ihnen mit, wir hassen und lieben sie, sie sind abschreckende Beispiele oder Vorbilder, wir lernen an und mit ihnen. Nur, weil sie nicht echt sind, ist die Art, wie wir über sie reden, doch bezeichnend dafür, wie wir als Gesellschaft auch über „echte Menschen“ sprechen. Festgefahrenheit beginnt im Kleinen. Veränderung aber auch.

 Mehr zum Thema Slutshaming zum Einlesen gibt es hier: Slutshaming