|Empfehlung| Becky Albertalli „Nur drei Worte“

|Empfehlung| Becky Albertalli „Nur drei Worte“

nur drei Worte 1

„Ich bin schwul.“ Diese drei Worte hat Simon noch nie laut ausgesprochen, sondern nur geschrieben – und zwar dem ihm unbekannten Blue, dem er anonym Mails schreibt, der ebenfalls schwul ist – und der an seine Schule geht. Nur drei Worte – in diesem Buch geht es manchmal federleicht, manchmal sehr ernst darum, zu sich selbst zu stehen und auch darum, jemanden zu finden, der dich genauso liebt.

Ich würde sagen, es ging um Einsamkeit. Komisch eigentlich, ich fühle mich gar nicht einsam, aber es klang so vertraut, wie Blue den Zustand beschrieb. So als hätte er mir die Gedanken aus dem Kopf gezogen.

Wie man manchmal die Gesten eines Menschen auswendig weiß, aber nie seine Gedanken kennt. Und das Gefühl, dass Menschen wie Häuser mit riesengroßen Zimmern und winzigen Fenstern sind.

Gemeinsam mit Simon kann man den Alltag an einer Highschool in einem konservativen Bundesstaat erleben und wie es ist, zwar nicht mit seiner Sexualität zu hadern, aber mit dem Gedanken, für die anderen plötzlich nicht mehr derselbe zu sein. Am liebsten wäre es Simon nämlich, wenn man um sein Outing keinen großen Wind machen würde. Vielleicht geht es auch etwas darum, wie falsch es ist, dass unsere Sexualität einen so großen Teil unserer Identität ausmachen soll. Warum kann er nicht derselbe Simon wie immer sein, nur eben offen schwul?

Wieso ist hetero die Normalität? Jeder sollte sich einfach in die eine oder andere Richtung erklären müssen, und es sollte für jeden eine so große, peinliche Sache sein, ob du nun hetero, schwul, bi oder sonst was bist.

Dabei fand ich, auch wenn Nur drei Worte einen recht typischen Grundklang hat, der an John Green, David Levithan und Co erinnert, dass Simon doch so erfrischend normaler Teenager war und nicht wandelndes Klischee. Weder ist er ein nerdiger Einzelgänger, wenn auch ein Nerd, noch führt er persönlichen Krieg gegen irgendwelche anderen Schülergruppen an seiner Schule. Simon mag eigentlich jeden und jeder, der ihn kennt, mag Simon. Und bis auf sein ausstehendes Outing hat er auch ein recht normales Teenagerleben, in dem er gute Freunde hat, Eltern, die ihn nerven und nicht alles richtig, aber auch nicht alles falsch machen, und romantische Ideen von der ersten großen Liebe.

Aber auch die anderen Protagonisten – bis auf Nick, den ich recht flach fand – waren sympathisch und greifbar. Wie Simon selbst bekommt man erst nach und nach einen Blick dafür, wie es ihnen geht und welchen Wert sie für ihn haben, denn anfangs ist Simon sehr mit sich und Blue beschäftigt und tritt damit seinen Freunden auch ordentlich auf die Füße. Immer wieder findet sich die Erkenntnis wieder, dass man nur einen kleinen Einblick davon bekommt, was in jedem Menschen vor sich geht.

Besonders aber fiebert man mit, wie Simon herausfinden möchte, wer Blue tatsächlich ist – Schockmomente, in denen er einen Verdacht bekommt, der ihm gar nicht gefällt. Enttäuschung, wenn es doch nicht der Gedachte ist. Ungeduld, wenn Blue ihn immer vertröstet. Kleine Herzhüpfer, wenn es doch wieder Hoffnung gibt, und das große Ah am Ende und das warme Gefühl frischer Verliebtheit, als beide sich endlich kennenlernen.

„Das will ich“, sage ich. Mein Freund […] Und ich kann einfach nicht mehr aufhören zu lächeln. Es gibt so Momente, da macht es mehr Mühe, nicht zu lächeln.

Leider hatte ich das Gefühl, dass manches durch die Übersetzung verloren gegangen ist. Besonders auffällig fand ich das bei einer Diskussion, bei der Simon seine Freundin Abby „Zicke“ nennt und sich jemand anderes darüber furchtbar aufregt. Ich bin mir ziemlich sicher, im Original steht hier „Bitch“, was eine ganz andere Diskussionsgrundlage wäre.

Ich kann nicht beurteilen, ob sich nun homosexuelle Jugendliche hier richtig repräsentiert sehen, habe aber das Gefühl, dass es der Autorin doch gut gelungen ist, Simons Gefühle zu beschreiben, wenn es um die Angst geht, dass diejenigen, die man liebt, einen mit anderen Augen sehen. Auch dass Simon sich immer wieder mit blöden homophoben Sprüchen herumschlagen muss, die angeblich witzig sein sollen, oder dass er ganz allein eine Fast-Foodkette boykottiert, weil sie homophobe Gruppen unterstützen, zeigt, wie undifferenziert wir manchmal noch mit dem Thema umgehen, obwohl wir uns doch so aufgeklärt glauben. Gerade, weil diese Dinge von seinem Vater oder seinen Freunden kommen, ist es für ihn doppelt hart.

Was ich für ihn empfinde, ist wie ein Herzschlag – leise und stetig, unter allem anderen.

Nur drei Worte 2

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320 Seiten * ISBN: 978-3-551-55609-7 * 16,99 € * OT: Simon vs. the Homo Sapiens Agenda

Was Simon über Blue weiß: Er ist witzig, sehr weise, aber auch ein bisschen schüchtern. Und ganz schön verwirrend. Was Simon nicht über Blue weiß: WER er ist. Die beiden gehen auf dieselbe Schule und schon seit Monaten tauschen sie E-Mails aus, in denen sie sich die intimsten Dinge gestehen. Simon spürt, dass er sich langsam, aber sicher in Blue verliebt, doch der ist noch nicht bereit, sich mit Simon zu treffen. Dann fällt eine der E-Mails in falsche Hände – und plötzlich steht Simons Leben Kopf.

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