Susanne Schädlich „Immer wieder Dezember“

Susanne Schädlich „Immer wieder Dezember“

Verlag: Knaur (Februar 2009)

Seiten: 239

ISBN: 3426274639

Preis: 16,95 €

Inhalt

Dezember 1977: Alles sollte anders werden, als Susanne Schädlich die DDR verließ. Doch es war der Beginn einer dramatischen Zerreißprobe: Der Westen war fremder als gedacht, und der lange Arm der Stasi verfolgte die Familie auch hier. Erst Jahre später, im geeinten Deutschland, gelang es Susanne Schädlich, anzukommen. Aber Geschichte vergeht nicht, sie holt einen immer wieder ein …

Meinung

„Immer wieder Dezember“ ist ein autobiographisches Buch, das laut Autorin nicht klar stellen soll, aber zwangsläufig wird. Es beginnt mit dem Selbstmord von Susanne Schädlichs Onkel. „IM Schädlich“ spionierte heimlich die Familie der jungen Frau aus, von ihrem Leben in der DDR bis hin zu ihrem Leben in der BRD. Ihr Vater Hans Joachim war Schriftsteller, hielt Kontakt zu Größen wie Günter Grass und veröffentlichte seine Geschichten in Westdeutschland. Dies und seine Unterzeichnung der Protestresolution gegen die Ausbürgerung Biermanns führten dazu, dass er samt Frau und seinen zwei Töchtern in den Westen ausreisen musste, während seine Mutter und sein Sohn Jan in der DDR blieben. Die BRD ist der jungen Susanne fremd, in der Schule hat sie Schwierigkeiten, weil ihr Fächer wie Englisch unbekannt sind und alles in allem ist ihr sehr bewusst, dass sie anders ist als die westdeutschen Kinder. Rückblickend versucht die Autorin ihre Erinnerungen und die ihr vorliegenden Stasiakten zu einem Gesamtbild zu verbinden.

Doch die Mischung aus Lebensbericht und Veröffentlichung der Stasiakten gelingt kaum. Wenn Frau Schädlich selbst berichtet, verfällt sie in eine Art gezwungen poetische Sprache. Kein simpler Umstand wird direkt genannt, sondern umschrieben. Nicht einmal ein Auto kann einfach kaputt gehen, sondern es kündigt seine Hinfälligkeit durch Geräusche an. Andererseits erzählt sie Dialoge nach oder schreibt einfach Stasiakten ab, was vielleicht bei den ersten zwei Akten noch interessant sein kann, aber auf Dauer mehr ermüdend und trocken wirkt.
Zudem setzt die Autorin zu sehr darauf, dass das Buch von Personen gelesen wird, die das geteilte Deutschland und am besten noch beide Seiten gekannt haben. Sie macht viele Andeutungen, nennt befreundete Autoren nur beim Vornamen und benutzt Kürzel. Zwar wird vieles im Laufe des Buches aufgeklärt – so existiert am Ende des Buches nicht nur eine Auflistung ihrer erwähnten Akten, sondern auch eine Aufzählung der Kürzel -, doch bis zu diesem Moment wird der Leser in der Luft hängen gelassen, wenn er nicht über das nötige Wissen verfügt und neigt dazu, schon vor der Aufklärung Recherchen anzustellen. Das mindert aber das Lesevergnügen noch mehr, weil man ständig pausieren muss, um weitere Literatur zu wälzen oder sich anderweitig zu informieren.
Die optische Aufmachung des Buches lässt auf einen Roman ähnlich wie „Herr Lehmann“ oder „Sonnenallee“ denken, der Klappentext ist ein Zitat und verrät auch nicht mehr über den Inhalt. So kann ein Käufer schnell eine andere Art Buch in der Hand halten, als er vermutet hat zu kaufen.
Den Titel „Immer wieder Dezember“ wählte die Autorin aus dem Grund, dass ihr auffiel, dass alle schlimmen Dinge, die ihr passiert sind, immer im Dezember geschahen: Die Unterzeichnung der Resolution, die zu der Ausreise führte, die auch im Dezember stattfand sowie der Selbstmord ihres Onkels im Dezember 2006.

Fazit

„Immer wieder Dezember“ ist der autobiographische Bericht der Autorin Susanne Schädlich über ihr Leben in Ost- und Westdeutschland zur Zeit des geteilten Deutschlands und über ihre innere Zerrissenheit. Dabei berichtet sie – gegensätzlich zu den damaligen Zeitungsberichten – auch davon, wie es war, von ihrem Onkel ausspioniert zu werden. Um ihren Bericht zu untermauern, zitiert die Autorin Stasiakten und Dialoge, was auf Dauer trocken wirkt. Die persönlichen Erzählungen hingegen wirken gezwungen poetisch. Zusätzlich dazu geht die Autorin zu stark davon aus, dass man sich mit den Umständen der Zeit auskennt und zwingt den Leser zu vielen zusätzlichen Recherchen, was den Lesefluss stört. „Immer wieder Dezember“ mag zwar ein interessanter Lebensbericht für Geschichtsinteressierte sein, hätte aber weniger trocken und viel emotionaler umgesetzt werden können.

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