Markus Orths „Lehrerzimmer“

Markus Orths „Lehrerzimmer“

Verlag: dtv ( November 2004 )

Seiten: 160

ISBN: 3-423-13269-8

Preis: 7,50

Inhalt

Studienassessor Kranich, Englisch, Deutsch, lernt bereits beim Einstellungsgespräch, auf welche vier Säulen das Schulsystem sich stützt: Angst, Jammer, Schein und Lüge. Und schon ist Kranich mittendrin zwischen Oberschulamtspolizisten, Geheimen Sicherheitsbeamten und einer „Konspirativen Gruppe, die sich zum Ziel gesetzt hat, das geltende Schulsystem zu unterminieren.“ Und wie Kranich da wieder rauskommt, ist im buchstäblichen Sinne revolutionär.

Meinung

Ich habe „Lehrerzimmer“ aus der Sicht einer Lehramtsstudentin gelesen. Das erwähne ich im vornherein, weil ich glaube, dass, je nachdem, wer das Buch liest, jeder eine andere Wahrheit darin erkennt. Oder eben eine andere Lüge.

Kranich bekommt nach seinem zweiten Staatsexamen eine Stelle an einem Gymnasium in Göppingen. Der Direktor macht ihm sofort klar, dass er bei ihm ein ganz schweres Los gezogen hat, aus dem simplen Grund, dass er noch keine Wohnung in Göppingen habe und seine Lehrer gefälligst alle in Göppingen zu wohnen hätten. Das Lehrerkollegium ist geteilt in die, die Angst vorm Direktor haben, und in die, die den Direktor heimlich in einem Wirtshaushinterzimmer unterwandern wollen. Und alle zusammen haben Angst vor dem Oberschulamt. Kranich hält es kaum länger als eine Woche an der Schule aus.

Streckenweise klang „Lehrerzimmer“ wie das, was unsere Professoren uns gerne erzählen wollen: Sitz vor deinem Telefon, bis du deine Schulstelle bekommst, der Direktor schreibt deine Beurteilung, also achte auf alles, was du tust, etc. Aber ob solche Horrorszenarien der Wirklichkeit entsprechen? Ein Funken Wahrheit steckt natürlich irgendwo im Buch. Den Anruf, der einen an eine Schule verweist, sollte man wirklich nicht verpassen und die Beurteilung des Direktors existiert natürlich auch. Genauso sind Schulbuchverlage bemüht, ihre Bücher auch an Schulen an den Mann zu bringen und jemand, der deinen Unterricht von hinten beurteilt, ist selten ein angenehmer Gast.

Doch ehrlich gesagt habe ich weder ein dermaßen seltsames Kollegium erlebt, in dem z.B. die alternde Geschichtslehrerin wie eine Drogensüchtige nach schwierigen Fragen zu ihrem Fachgebiet bettelt, um ihr Wissen unter Beweis zu stellen, noch je einen Direktor kennen gelernt, der Angst und Schrecken im gesamten Kollegium verbreitet hat. Vielleicht hatte ich bis jetzt auch nur einfach Glück mit den Schulen.

Am unglaubwürdigsten fand ich dann die Geschichte der Klettverlagsvertreter, die angesichts der Gefahr, das Monopol an den Cornelsen-Verlag zu verlieren, die Englischlehrer mit neuen Autos, Fahrrädern, Fernsehern und Videorekordern bestochen haben und dabei noch die haarsträubende Geschichte des „anschaulichen Unterrichts“ erzählten, in dem ein junger Lehrer erst den Mord an seinem Kollegen, dann seinen eigenen Selbstmord vortäuschte, um den Schülern die Vokabelgruppe „Mord und Angst“ nahe zu bringen.

Für mich stellt „Lehrerzimmer“ nicht, wie auf dem Klappentext behauptet wird, eine „Warnung“ dar, noch finde ich „die Szenerien einleuchtend“. Wo Orths anfangs noch um halbwegs realistische Darstellung bemüht war, wird das Buch nach hinten nur noch haarsträubend, und wer glaubt, dass es in Lehrerzimmern wirklich so zugeht, der befindet sich entweder an einer sehr schlechten Schule oder völlig im Irrtum.

Fazit

„Lehrerzimmer“ von Markus Orths stellt nicht – wie mancher behauptet – die Realität in heutigen Lehrerzimmern dar. Vielmehr übertreibt der Autor zum Ende hin so, dass man nur noch mit den Augen rollen kann und das Buch kommentarlos zur Seite legt, ohne sich weiter Gedanken zu machen.

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